Die Leiden des jungen Jakub

Die Leiden des jungen Jakub

Am Abend zuvor war Jakub das Einschlafen noch unmöglich vorgekommen, viel zu warm war es in seinem Zimmer gewesen. Die Bettdecke nach links gewendet, dann rechts, dann Ende und Anfang vertauscht, sogar den Bettbezug wechselte er. Ob er überhaupt noch geschlafen hatte, das wusste Jakub nicht mehr, jedoch konnte er sagen, dass er mindestens 4 Stunden regungslos dagelegen hatte. Als er es nach 15 Minuten endlich schaffte sich aus seinem Bett zu schrauben, fiel ihm noch etwas anderes auf: Es war bitterkalt um ihn herum. Dabei hatte er sich doch vorher noch einen Wolf geheizt, sodass es ihm den nötigen Schlaf raubte. Und jetzt das hier. Gerade jetzt. Vor der Schule. Lieber hätte sich Jakub an den Heizkörper gekettet, ihn umarmt und nicht wieder losgelassen. „Energieverschwendung“ hallte es ihm geisterartig durch seinen Kopf, die ihn umgebenen Erwachsenen hatten es ihm bis zum Erbrechen eingebläut. Eltern, Tante, Onkel, Großeltern, sogar ferne Cousins. Von letzteren wusste er nicht viel, doch sie schienen nicht wirklich einen eigenen Willen zu haben und studierten Physik oder so. Auch sie wurden anscheinend durch den Öko-Terror, der den Familienstammbaum zu markieren schien, indoktriniert. So nannte es jedenfalls Jakub, behielt so etwas jedoch besser für sich. Nicht noch einmal wollte er einen Streit beginnen. Dabei war er doch selbst umweltbewusst und die schmerzhafteste Moralpeitsche seiner Gegend, gleichzeitig war er aber auch die einzige Person, die mit Selbstironie diesen Eindruck zu schmälern wusste. Schließlich bestand die Welt nicht nur aus Öko-Freaks und Weltverbesserern. Zumindest seine Stadt nicht. „Dreh den Hahn zu! Du tötest die süßen Eisbären!“ oder ähnliche mit einem Lächeln verzierten Sprüche zeigten jedenfalls immer ihre Wirkung. Von traurigen bis erheiterten Gesichtern war alles dabei.

Sparsam wie sein Schlaf war auch Jakubs Frühstück. Zwei kleine dreieckige Scheiben Schwarzbrot und papierdünner Käse dazwischen, das reichte ihm völlig, dazu viel zu starker schwarzer Tee, der eher müde als munter machte. Danach schnell noch den Pullover und die Jeans an und zum Bus. Auf halbem Weg zur Haltestelle fiel ihm noch ein, dass er seine Thermoskanne stehen gelassen hatte, doch nach Hause zurückzukehren erschien ihm sinnlos, schließlich brauchte er die noch lange Zeitspanne vor der Schule, um nachzudenken. Außerdem war es sowieso nur Rooibostee. Was ihn dazu trieb ausgerechnet diesen grässlichen Tee zu kaufen, wusste er selbst nicht so genau. Rooibos. Südafrikanische Hülsenfrucht. Klang interessant, schmeckte zu Jakubs Verärgerung leider nicht.

Es war kalt draußen. Nicht drückend kalt, eher erfrischend kalt. Trotz der Temperaturen schien den Menschen an der Busstation, hauptsächlich Schüler, ihr Image wichtiger zu sein als ihr körperliches Wohlbefinden. Chucks ohne Socken und zerrissene Jeans. Jakub war zwar ein großer Fan von Individualität, doch selbst für ihn waren diese Arten von Grenzüberschreitung zu heftig. Obwohl er halbwegs warm angezogen war, zog er seinen Schal noch höher, sodass er Hals bis Mund komplett verdeckte.

Die Leute im Bus waren nicht besser, jedoch sorgten sie dafür, dass Jakub sein Selbstwertgefühl aufpolieren konnte: Eine ältere Frau schrie wahllos Schüler an, ein Mann in Jogginghose hielt seinen Dackel frontal in das Gesicht eines kleinen Kindes, ein kleiner Junge (dessen Handydisplay größer war als der Kopf des Besitzers) rutschte in jeder Kurve aus, weil er zu stark in sein Handyspiel vertieft war und ein weiterer Mann leckte an den Haltestangen im Bus, was in etwa genauso gesund ist wie verflüssigtes Ammoniak zu trinken. „Ein wenig wie im Internet“, dachte sich Jakub. Nicht nur junge Menschen benehmen sich dort daneben und erlauben sich die ein oder andere Peinlichkeit, sondern auch (scheinbar) gestandene Erwachsene. Familienväter, Studierte, Ärzte etc. verbreiten billige, abgedroschene Sprüche und Bilder, die mit „TEILE DIESES BILD WENN DU DAS AUCH SO SIEHST“ enden. Zudem werden zum Zwecke der Informationsverbreitung unseriöse Quellen geteilt und mit Phrasen wie „unfassbar“, „unglaublich“, „scheiße“, „Dreckspack“ oder „Den schlag ich zusammen!!“ versehen, damit die eigene Meinung ja nicht ausbleibt. Im Bus konnte sich Jakub das Trauerspiel folglich aussuchen: Sowohl sein Smartphone, als auch seine unmittelbare Umgebung lieferten ihm den Beweis dafür, dass ein Großteil der Menschen orientierungs- und hemmungsloser geworden ist, und das noch auf eine unerträgliche Art und Weise.

In der Schule würde er heute halbwegs selbstbeherrschte und bewusster lebende Leute treffen (zumindest einige), wenngleich ihn dieser vergleichsweise milde Gedankengang bezüglich seiner Mitschüler selbst überraschte. Jakub hatte nur wenige richtig gute Freunde, und die hat er erst im Spätherbst seiner Schullaufbahn kennengelernt. Viel zu spät also. Nach der Schule würden seine Bekanntschaften wieder im Sand verlaufen und die Suche nach neuen müsste beginnen. Wie mühsam. Vorerst genoss er seinen aktuellen Bekanntenkreis, doch auch das konnte äußerst frustrierend sein. Denn er mochte ein Mädchen, eigentlich fand er drei oder vier andere auch ganz gut, sogar sehr gut, doch das eine gefiel ihm getrennt von den anderen. Andererseits hasste er sie und beschimpfte sie in den 1000 ausgedachten Szenarien in seinem Kopf. Ihm war heiß und kalt zugleich, wie abends und morgens in seinem Zimmer. Mal redeten sie viel miteinander, sie lachte Jakub an, er lächelte sie an, sie verstanden sich prächtig. Doch an anderen Tagen schien sie an ihm vorbeizuschweben und würdigte ihn keines Blickes, lachte mit anderen. Ihn machte das traurig und sauer, obwohl er genau wusste, dass er ihr damit Unrecht tat. Er war gespannt, wie es heute sein würde. Wohlgefühl oder totale Verbitterung.

Eines stand fest: Mit seinem besten Freund würde er heute etwas essen gehen. Und dann gute Musik austauschen. Jetzt war Jakub an der Schule angekommen. Seine Jeans war nass, nachdem er aus dem Bus ausgestiegen war, denn der Bürgersteig hatte sich in eine gigantische Pfütze aus Schlamm und Resteis verwandelt. Noch 20 Minuten bis Unterrichtsbeginn. Jakub stellte sich an das Volleyballfeld auf dem Schulhof, weit weg von seinen Mitschülern. Um weiter nachdenken zu können. Denn in 20 Minuten hatte er Physik. Oder so.

Na? Humorphob?

Na? Humorphob?

Nein, humorphil. Und jetzt lass gut sein. Habe gerade sowieso zu tun. Für einen löblichen Text reicht es heute trotzdem.

Ingmar Stadelmann, Kabarettist/Komiker und Radiomoderator, war am 2. Freitagabend im Dezember in der Kaue in Gelsenkirchen zu Gast. Überschaubarer Rahmen für einen Mann, der bereits alle möglichen Comedy- und Kabarettpreise eingeheimst hat. Doch gerade hier und unter den Leuten, um die 100, im Raum schien er sich wohl zu fühlen, schließlich war gefühlt von 18 bis 958857637 Jahren alles dabei.

Das „Gefühlte“, auf TV-schlau auch als „postfaktisch“ bekannt (die Autokorrektur hat es mir unterstrichen, obwohl es das Wort des Jahres geworden ist. Manno.), war ein Thema des Abends. Was mit den Wetterberichten im Fernsehen und Radio begann, wo man uns neben der gemessenen auch eine gefühlte Temperatur verkündet (wer auch immer das fühlt), setzt sich nahtlos in der Politik und in den Ängsten der Menschen fort: Die AfD und Co gibt uns vor, dass wir von Horden von Flüchtlingen überrant und geplündert werden, was viele ohnehin besorgte Bürger im Osten der Bundesrepublik anhand von Facebook und anderen ertragreichen Nachrichtenquellen dankend annehmen. Laut Stadelmann, selbst aufgewachsen in Salzwedel in Sachsen-Anhalt, wo man ohne weiteres nicht zufällig auf der Autobahn vorbeikommt (bzw. überhaupt nicht), wüssten die meisten Ossis gar nicht, was Rassismus überhaupt sei. Alte DDR-Denkmuster eben…alle sind Mörder…und Volksverräter…außer die Russen…und Sputniknews…

Daraus zog Pro7-Allzweckwaffe Stadelmann eine wichtige Lehre. Eine wohltuend ernste Stelle des Abends, an dem sonst durchgehend herzhaft gelacht wurde: Heutzutage kramt man zunehmend nur in einer Schublade und öffnet nur ein einziges Fenster im Kopf. Während man sich früher noch im regen Austausch mit Menschen aus Fleisch und Blut befand, die eventuell andere Zeitungen als man selbst gelesen haben, separiert man sich heutzutage zunehmend selbst und spannt das eigene Netz im Kopf nur bis zu der Grenze, wo Facebook aufhört. Aus dem Zustand soll man heraus, sich mal den Fakten annehmen und nicht wohlwollend in einer paranoiden Haltung verharren.

Auf Umgang mit Ängsten, am Programmtitel „humorphob“ unschwer zu erkennen, wurde ebenfalls eingegangen. Wir seien angsterfüllt im Angesicht der weltweiten Bedrohungen, der Rest der Welt auch und die Franzosen sowieso. Nichts wird getan, nur beschwert und gejammert („Wie konnte DAS DENN nur passieren???“) und weil unseren Regierungen nichts Effektiveres einfällt, werden lustig hysterisch Bomben auf Terroristen geworfen. Noch gefährlicher werden Alltagssituationen zudem dadurch, dass wir falsch mit Humor umgehen. Satire kriegt aufs Maul und politische Statements der Chefdemagogen Höcke und Petry werden weggelächelt. Und nach den Wahlen kommt konsequenterweise die Frage: „Wie konnte DAS DENN nur passieren?“…Tja…

Gewürzt wurde der Abend mit herrlichen Anekdoten. Wie unsere Hauptstadt Berlin von dem vorhin genannten kollektiven Wahnsinn einfach mal gar nichts mitbekommt und nach wie vor die kompromisslosesten Busfahrer des Planeten besitzt. Wie Deutschland die Ost-West Grenze bis heute in den Saunen des Landes bewahrt und auf der Autobahn seinen ganz eigenen „Linke-Spur“ Fetischismus besitzt. Es ist ein Abend der Extremen, an dem Ingmar bewusst herausfordernd kein Blatt vor den Mund nimmt. Er lässt aber auch das Publikum die zweite Hälfte des Programmes mitgestalten, woraus sich eine explosiv witzige Mischung entwickelt, da die Zuschauer ähnlich herausfordernd wie Ingmar agieren.

Ein erfrischend humoristischer Abend, der zum Nachdenken angeregt hat und so manche Klischees über Bord wirft. Stadelmann versteht es exzellent, die Grenzen zwischen Comedy und Kabarett verschmelzen zu lassen. Ein durchweg gelungener Abend!

 

USA! USA! USA..?

USA! USA! USA..?

Die Timelines aller existierenden und sogar ausgedachten sozialen Netzwerke rauf und runter purzelnd, Zeitungen füllend, die Seelen spaltend: Die US-Wahl 2016. Und die Auswahl selbst? Überschaubar (habe gerade nicht den Bedarf die Spitzenkandidaten autobiographisch oder sonst wie zu beschreiben, nach dem ganzen Medienhickhack wisst ihr doch sowieso schon von Clinton, Trump und den Zutaten, mit denen sich diese ihre Politik zusammenbrauen). Erwähnenswert (Achtung! Starker Geruch von Konjunktiv!) wären vielleicht noch die übrigen vier chancenlosen „Nebenkandidaten“ gewesen, die den „großen Zwei“ Stimmen stibitzen und ihnen gepflegt in die Suppe (vornehmlich in die geschmack- und inhaltlosere) der beiden spucken könnten. Zu etwas anderem dienen sie anscheinend auch nicht, zumal solche Kandidaten neben Republikanern und Demokraten in der Medienlandschaft traditionell nicht weiter gestreift werden und der Liberale Gary Johnson bis vor Kurzem nicht einmal Aleppo kannte.

Okay, der Chefdemagoge der Republikaner hält Belgien für eine Stadt.

Ihr fragt euch: „Wieso ist er dann nicht auch ein Randkandidat?“

Und viel wichtiger: Wie kann man einem Szenario, dass bisher nur bei den Simpsons zustande gekommen ist, die Chance geben sich bewahrheiten zu können?

Für Fragen ist es jetzt zu spät, und überhaupt: In Amerika ist alles möglich! Woher also die Verwunderung? Dieses ganze Kasperletheater wird außerhalb der USA doch nur zu dem Zweck betrieben, um die eigene politische Realität auszublenden und mit dem Finger auf ein Land zeigen zu können, das eine promovierte Expertin für elektrische Post und einen gepflegt rassistischen Geldsack an die Spitze des Staates katapultieren kann. „Bei uns ist alles besser! Guck mal wie doof die sind, hihihihihi….“…

Und das von einem Kontinent kommend, deren rechte Parteien wieder kräftig Rückenwind bekommen. Natürlich, die zukünftige Politik einer Weltmacht ist essentiell für das globale Wohlbefinden, in erster Linie müssen wir uns jedoch darum kümmern die europäischen Schreihälse wie die AfD, Front National, PVV etc. einzudämmen. Eine Politikerin, deren Großvater Hitlers Finanzminister war (-Hust-Frau von Storch-hust-), ist schließlich auch nicht die beste Lösung.

Was ich nur kurz und knusprig sagen möchte: Kümmern wir uns vorerst um das Braune an unseren Schuhen (dazu haben wir ja nach der US-Wahl genug medialen Freiraum).

Und auch ihr, fellow citizens of the United States of America! Gebt bitte eure Stimme nicht dem laut brüllenden Mann, der Antidemokrat und Minderheitenhasser ist. So etwas hatten wir schon in Hülle und Fülle und wollen es auch nicht wieder haben. Nirgendwo.

Ach ja, zwei mögliche Zustände für den nächsten Morgen(Dramatisch:“The day after“):

  1. Im Internet wird (in jedem Fall) der Weltuntergang vorgezogen. Aber nur kurz.
  2. Obama klärt auf, dass alles nur ein schlecht gedrehter Film gewesen sei und er für vier weitere Jahre regiert. War vorher so geplant. (Empfehlung des Autors)

 

MontAgsnotiz

In letzter Zeit ist mir stechend ins Auge gefallen, dass sich Vokalgedichte in der Poetry-Slam Szene starker Popularität erfreuen.

Was es mit diesen auf sich hat? Naja, Vokalgedichte sind Textformen, die ausschließlich von einem Vokal und sonst von beliebigen Konsonanten zusammengehalten werden (Beispiel: „Ottos Mops hopst“//exemplarische Vokalgedichte bekommt ihr unten verlinkt).

Den Willen irgendetwas mit Gedichten zu tun haben ließ ich im Verlauf des heutigen Tages zerstückelt in der Schule liegen, also bekommt ihr kein Vokalgedicht.

HALT! WAGT ES NICHT DEN TAB ZU SCHLIEßEN! DA KOMMT NOCH WAS!

Mir ist jedoch aufgefallen, dass sich so manche Vokale in einem Wort oder einer Abkürzung erschreckende Dominanz erarbeiten. Das „A“ zum Beispiel! Als ob das „A“ als Anfangsbuchstabe des Alphabetes nicht schon genügen würde, so nimmt es den anderen Vokalen noch die Plätze in den Worten weg! DANKE MERKEL!!!!!

Okay, klare Ansage jetzt (Schon wieder drei „A’s“): Dieser Buchstabe hat einen Hang zur Verbreitung von Angst (<- seht ihr? schon wieder!) und Schrecken. Hier die besten Beispiele:

Montag, Mathematik, AfD!

 

 

Die Vokalgedichte (von Sebastian 23):

 

 

 

 

 

Vierer-V

Vierer-V

Verheizt, verkommen, verdreckt, verraucht. Der Beton um dich herum – und dein Kopf auch.

Das Grüne, man hat dir das Gefühl dazu geraubt. „Photosynthese, Schutz vor Emission“ hat man dir zugeraunt. Doch du möchtest denken: „Dekoration!“ Ja! Sauerstoff haben wir doch genug! Jetzt ein Baum, das wäre toll! Um die Spuren der menschlichen Existenz zu verdecken, wenn du in einer bröckelnden zubetonierten Gasse stehst und von der Hitze gegrillt wirst. Die Pappfiguren namens „Mitmenschen“ haben um dich herum bereits resigniert, die Natur ist für sie nur noch Teil einer fragilen kugelförmigen Gestalt, die wiederum ein unbedeutender Teil einer unendlich undurchschaubaren  Gestalt ist. Kurz: Sie spüren sich nicht mehr. Doch du, JA DU, möchtest nicht vor Verzweiflung zerbrechen, sondern stechen, fühlen, Akzente setzen, innere Barrieren brechen! Du hast keinen Stolz, schon lange nicht mehr, und klaust deswegen Holz, bebastelst es, malst es an und schau an: Ein kleiner Wald! Ein sogenannter Mitmensch bemängelt: „Schänder, Schmierfink!“ und du so: „It gives me DAT FEELING!“ Und du bist wieder fresh und frohlockend, glücklich und vor Freude überkochend. Doch es hält nicht ewig. Und dann bist du wieder…

Verheizt, verkommen, verdreckt, verraucht. Der Beton um dich herum- und dein Kopf auch.

Was tun? Einfach ausspannen, an nichts denken, mal Zeit und Zwang verschenken. Gehe weit weit weg, wo dich niemand hält und du niemals fällst. Denn du brauchst soetwas nicht – du bist jetzt nämlich Anarchist! Du willst niemandem einen Gefallen tun, mal nur dir selbst – und dabei entdeckst du das Grauen wieder.

Du läufst. Dein Kopf brüllt: „ICH LAUFE!“ Du bewegst dich nicht mehr.

Du musizierst. Dein Kopf brüllt: „ICH MUSIZIERE!“ Du hörst nichts mehr.

Du liest. Dein Kopf brüllt: „ICH LESE!“ Du kriegst nichts mehr mit.

Und damit bist du zur Erkenntnis gelangt: „Ich bin nicht entspannt“. Du kannst es halt nicht. Du lässt den Stress wieder auftauchen, denn du kannst nicht woanders hin abtauchen, weglaufen, denn es ist nicht dein Naturell und du könntest innerlich am Liebsten…ersaufen. Und du bist wieder…

Verheizt, verkommen, verdreckt, verraucht. Der Beton um dich herum – und dein Kopf auch.

Du bist wieder zurück im Geschäft, du bist wieder back in the game! Mit Hoffnung auf Besserung! Mit neuen Trieben zum inneren Frieden! Mit neuer Lust, ran an die Nuss! Doch schnell erkennst du wieder das Grauen der Welt: Immer musst du analysieren! Was herrscht? Keine Motivation zur Innovation! Keine Motivation zur Emotion! Pure Stagnation! Ok, eine Angelegenheit genauer zu betrachten ist ab und zu gar nicht so verkehrt. Aber vermehrt? Wie weit gelangt man da? Freiheit wird sonst achso gepriesen! Und dadurch gerade verwiesen…Menschliche Gefühlswelten sind nur noch Statisten, und die Vernunft wurde schon vorher des Feldes verwiesen. Und nicht nur das: viele analytische Prozesse sind nur käfte- und geduldsraubend. Denn sein wir doch ehrlich: Wollte Büchner denn um jeden Preis, dass sein Schaffen von der Nachwelt zerstückelt wird? Jedes Individuum würde beim Lesen schon alleine eine Deutung finden – selbstständig! Doch diesen freien Willen hat man bei dir schon längst gebändigt! Genauso müßig ist es danach zu fragen, weshalb ein Maler in einem Bild ausgerechnet Grün verwendet hat. Naja, er hatte eben kein Violett mehr, ne? 😉

Nun denn, you’re still…

Verheizt, verkommen, verdreckt, verraucht. Der Beton um dich herum – und dein Kopf auch.

Ich spüre das bei dir, aber ich will das nicht! Nun höre meinen Rat, edler Knappe! Finde dein inneres Reich der Mitte! Das ruhende Zentrum zwischen extrem und lau, zwischen vernünftig und blau, zwischen Zwängen und Rumhängen, zwischen Schleifen und Schleifen lassen. Wenn du nur auf deinen Kopf hörst, läufst du mit ihm gegen die Wand. Wenn du nur auf dein Bauchgefühl hörst, dann…naja, auch. Schaffst du es das hölzerne Pendel in deinem Schädel in ein unschädliches Gleichgewicht zu bringen, ohne, dass es zersplittert, so küre ich dich zum großen Meister und du bist geheilt!

Jetzt bist du…

Abgekühlt, erneuert, gewaschen, refresht! Auch der Beton! “

„Wie? Echt?“

„Ja, echt!“

Gallia’s on fire

Gallia’s on fire

Würde man in der Zeit nochmal ca. zwei Monate zurückgehen und hätte man den Fußballanhängern freie Hand bei der Gestaltung des Fußballturniers gelassen, so wäre obiger Spruch sicherlich in den engeren Favoritenkreis für ein Turniermotto gerückt (ausschließlich im künstlerischen, atmosphärischen und sportlichen Sinne zu verstehn, nicht im kriegshistorischen).

Was bleibt also von der diesjährigen Europameisterschaft, mal die überzähligen freien Plätze im Stickeralbum und dem Fahnengewimmel an den Fenstern ausgenommen, denn alles im Kopfe übrig? Der Reihe nach: Gleich im Eröffnungsspiel schien bereits die halbe Internetbevölkerung zu semiprofessionellen Namensforschern aufgestiegen zu sein, als man über ZDF-Kommentator Bela Rethy herzog, dass man Frankreichs Standardmonster Dimitri Payet doch gar nicht „Pajet“, sondern „Pajeee“ aussprechen würde. Ein überlegter Blick ins World-Wide-Web verriet jedoch, dass Payet gar nicht auf französischem Festland geboren wurde, sondern in einem französischen Übersee-Department, wo Rethys Option der Aussprache gängig ist. Führungstreffer für Rethy! Des weiteren machten englische Hooligans sämtliche Gastgeberstädte zu Schlachtfeldern. Nichts neues also. Mehr Hoffnung versprühte die englische Nationalmannschaft vor dem Turnier, wobei sie noch Gegner wie Frankreich, Deutschland oder Portugal schlug. Als es jedoch ans Eingemachte ging, sahen die Three Lions ihren Job in Frankreich nach dem Sieg gegen Nachbar Wales schon getan und verabschiedeten sich kläglich im Achtelfinale. Wales (nicht Bales! hört auf damit!) machte es bekanntlich besser und schied erst im Halbfinale aus, obwohl sie doch so sehr (leidenschaftlicher als ihre großen Nachbarn) darum baten nicht nach Hause geschickt zu werden („Don’t take me home! Please don’t take me home! I just don’t wanna go to work! Let me stay here, drink all your beer! Please don’t, Please don’t take me home!!“).

Wo wir schon bei den Fans sind: die Nordiren begeisterten mit ihrem „Will Grigg’s on fire“ (die Engländer machten nach ihrem Aus und dem Rücktritt ihres Trainers übrigens daraus „Hodgson got fired“), ein Song über einen Spieler ihres Kaders, der keine Sekunde während der EM auf dem Platz stand, was von der unerweichlichen und wohltuenden Feierlaune der Nordiren zeugte. Ähnlich balsamierten die Iren die Seelen der Fußballfans, Einheimischen und sozialen Netzwerkern: Sei es das Singen von Schlafliedern für ein Baby, das Reparieren von Autos, die Reinigung der Straßen von Bierflaschen oder die Huldigung der französischen Polizei. Die „Boys in Green“ fanden zu jeder Zeit ein Mittel, um von europäischen Sympathiepunkten überschüttet zu werden. Davon können auch die Isländer nach dem Turnier ein Lied singen. Neben den überdurschnittlich lauten „Afram Island“ und „Huh“-Rufen zeigten auch ca. ein Viertel aller isländischen Profifussballer in den Arenen couragierte Leistungen, welche u.a. Europameister Portugal an den Rand einer Niederlage brachten und die Engländer ausknockten (die „Ich-hänge-an-jedes-einzelne-Wort-die-Endung-SON“ – Witze waren übrigens nach dem ersten isländischen Spiel schon übersschüssig abgenutzt und alt). Funfacts: 1. Das Siegtor gegen England erzielte übrigens „Sigthorsson“; 2. Torhüter Halldorsson war vorher erfolgreicher Filmregisseur; 3. Island hatte zwei gleichberechtigte Trainer; 4. Der Eine, Heimir Hallgrimsson, ist eigentlich Zahnarzt. Falls also jemand Fußballkommentator wird und in naher Zukunft ein Island-Spiel kommentieren muss: Zöger nicht und verbrate genau diese Fakten wohlverteilt im gesamten Spielverlauf!

Auch sportlich und gefühlsmäßig hätte diese Europameisterschaft nicht kurioser laufen können: England, Geheimfavorit Kroatien und Titelverteidiger Spanien strichen im Achtelfinale die Segel, Deutschland bezwingt Angstgegner Italien im Viertelfinale und Frankreich ihren Angstgegner Deutschland im Halbfinale. Und wer wird schlussendlich Europameister? Portugal! In ihrer Gruppe auf Platz hinter Ungarn und Island gelandet und Glück gehabt, dass die punktgleichen Türken und (leider mit zu viel Pech bestückten) Albaner schlechte Torverhältnisse vorweisen mussten. Nur gegen Wales schossen sie innerhalb der regulären 90 Minuten mindestens einen Treffer und besiegten paradoxerweise Frankreich größtenteils ohne Cristiano Ronaldo, welcher am Ende von der Ehrfurcht der eigenen Mannschaft beinahe erdrückt wurde. Klar hielt er das Team gegen die Magyaren mit Bravour im Turnier und motivierte im Finale in bester Coachingmanier, aber waren es nicht etwa auch Torhüter Rui Patricio, Kampfschwein Pepe oder Taktikfuchs Fernando Santos, die Portugal langfristig am Leben hielten? Just saying, aber Ronaldos (berechtigte) Tränen von der Verletzung hatten wohl eine übermenschliche und magische Wirkung auf alle Umstehenden…Schmerzlich war auch der Abgang Italiens aus dem Wettbewerb, einhergehend mit den Tränen Buffons und Barzaglis, wegen derer man sich als subjektiver Betrachter des Geschehens sogar leicht für den Sieg der deutschen Mannschaft schämen konnte.

Und sonst? Größen wie Ibrahimovic, Cech und del Bosque traten von ihren Tätigkeiten bei ihren jeweiligen Nationalmannschaften zurück, der „echte“ Neuner als Sturmoption erhielt wieder den Respekt den er ursprünglich verdiente (das „Falsche Neun“ Geschwafel soll endlich ein Ende haben! Nochmal ein Aufruf an alle angehenden Kommentatoren: Benutzt diese Phrase nicht!), Bayern München kann sich auf Renato Sanches freuen, Griezmann wird mit Abstand Torschützenkönig, Belgien bewies eindrucksvoll, dass man ohne ein Teamgebilde nicht weit kommt, England schaffte es innerhalb einer Woche  Europa zweimal den Rücken zuzukehren und in der Schweiz ist doch nicht alles so (reiß) fest und sicher wie es scheint.

Und ach ja: demnächst ist wieder Bundesliag!

HUH!

 

 

Keep thinking

Keep thinking

„Überdosis Nachdenken gefällig?“

„Nehme ich!“…..Zu Risiken und Nebenwirkungen…ach ist doch egal!

Aber doch, es stimmt. Zu angestrengtes und überdosiertes Nachdenken führt zu kuriosen Situationen, die man entweder anschließend gerne aus dem Langzeitgedächtnis löschen möchte und doch nicht kann, oder man fühlt sich nachher wie bei einem Lottogewinn: man ist stolz wie Grobi und freut sich wie eine Laus im Haar eines Lockenkopfes, doch so richtig erklären kann man die Angelegenheit nicht und man bleibt völlig zerstreut zurück. Man weiß nicht mehr was man machen soll, obwohl die Neuronen im Gehirn gerade zu Höchstleistung auflaufen. Doch die Gedanken rennen wiederholt gegen einen inneren Maschendrahtzaun, verhaken sich und nur selten kommt ein Gedanke nach außen, um fruchtbar aufzugehen. Doch meistens sind es die falschen.

Werden wir konkreter: Informationen, die man für den business as usual nicht braucht, setzen sich von außen wie Parasiten fest und hindern das für einen selbst Relevante, um dabei eigenen Nutzen daraus zu ziehen. Tatort gymnasiale Oberstufe: bei den meisten dringen entweder nur noch die falschen Erleuchtungen oder gar keine mehr ans Licht. So kommt es, dass so manches Individuum den Zeitplan seines zu erfüllenden Bildungsauftrages vergisst. Schlimmer: obwohl in schriftlicher Form vorliegend, wird trotzdem nicht nachgeschaut. Man ist müßig geworden und setzt auf andere. Andere, die den Stundenplan ihrer Mitschüler unnötigerweise kennen. Man kommt also in die Schule und kann es in den Nervenzentren der Mitstudenten rattern hören. Die Begrüßung wird bei einem automatisch (gewollt und ungewollt zugleich) zur Hilfestellung und klingt ungefähr so: „Hey ho! Du hast jetzt Philo beim Kant, kann das sein? Mit dem da sagst du? Aber nicht doch, der hat doch jetzt Mathe! Beim Leibniz! Dass es dir auf der Zunge lag wusste ich sofort, haha! Mit der da hast du auch nicht Philo, du hast Deutsch mit ihr, aber sie hat jetzt Physik bei Weber! Was ich habe? Freistunde! ;-)…..“ Jedes Mal das selbe Prozedere.  Ähnlich bei Hausaufgaben: das Hausaufgabenheft finde ich immer noch total in! Hilft sehr, finden auch die Mitschüler, jedoch bevorzugen sie es genau ein Hausaufgabenheft in der gesamten Stufe zu benutzen, und zwar das hypermitdenkenden Person. So kann man auch durchkommen. Zum Nachteil des Denkmonsters. Wenn man als solches dann aber die Hausarbeiten eines einem eigentlich fremden Kurses kennt, dann ist man offiziell nicht ganz richtig oben. Genauso wie wenn man sich Körpergröße und -gewicht eines Fussballers merkt, die Seitenzahl der Harry Potter Romane und die Länge der Harry Potter Filme, sowie auch die Anzahl der Enten, die durchschnittlich wochentags am Stadtsee herumwatscheln. Wenn man bereits dieses Stadium erreicht hat, fängt man an Gesprächsfetzen anderer abzuspeichern, einen Stein hektisch zu beobachten und unbedarfte Tintenflecke auf Papier zu interpretieren. Dann grübelt man.

Man regt sich über sich selbst auf, über Menschen die sich über andere sich aufregende Menschen aufregen und dann bleibt für die Ein-Gen-ein-Enzym Theorie des Biolehrers kein Platz mehr. Das darf nicht sein! Man möchte die belanglosen Sachen nicht mehr in sich hineinkehren, möchte sie ausdrücken, ad acta legen und Raum schaffen (deshalb schreibe ich so gerne), jedoch besteht dann die Gefahr, dass der eigene Expressionismus in der Umwelt scheitert und krachend in die Luft geht. Und dann kommt die eigene Erleuchtung, der personal Messias erscheint und gibt einem zu Denken: anders ist auch scheiße! Man wehrt sich energisch dagegen und denkt: „Möchte ich doch sorgen- und gedankenfrei sein!“

Doch was passiert, wenn man aufhört nachzudenken und einfach schleifen lässt? Was sind die Risiken und Nebenwirkungen? Man wird kurzzeitig glücklich und müßig, doch inneres Relaxen und Resignation bringt einen nicht weit. Selbst ein Fussballer, denen man vorurteilshaft mangelndes Denkvermögen zuschreibt, sagte: „Wer aufhört zu lernen, hört auf zu leben.“ Der Kopf muss zu Lebzeiten so gut wie möglich arbeiten, sonst lernt man die großartigen Facetten des wertvollen Lebens niemals kennen. Auch die unnötigen nicht, von denen manche sehr amüsant sein können. Wer nicht nachdenkt, erkennt weder Gefahren noch positive Wirkungen vorzeitig, man bleibt limitiert. Nachdenken hilft den Mitmenschen und, wenn man es lange genug macht und die Zeit der belohnenden Auszahlung kommt, auch einem selbst. Die Aufgabe des Strebens und Denkens ist Teufelswerk, wie uns Goethe in „Faust“ vermittelte. Faust geriet auf dunkle Abwege und kriegte erst reichlich spät die Kurve, weil er von seinem intellektuellen Weg abkam.

Zu großes Nachdenken und ab und zu frustriert zu sein ist vorteilhafter, langfristig produktiver und zielführender, als dass man das Gehirn ins Exil schickt und die Kommandozentrale seiner Entscheidungen bzw. Gefühle dem Bauch übergibt.                          P.S.: Wer den Mittelweg zwischen Bauch und Kopf findet, ist für mich Held und Universalgenie. Er solle sich bitte bei mir im busvollen Gedankenbunker melden!

Danke!