Vendredi noir

Vendredi noir

Der vergangene Freitag, der 13. November, begann wie üblich unspektakulär. Man geht zur Schule, besucht Vorlesungen an Universitäten und geht seiner alltäglichen Arbeit nach. Natürlich bleibt es nicht aus, dass dieser Tag wiederholt und großräumig verhöhnt wird: „Oh Gott! Nehmt euch in Acht! Es ist ein Freitag, ein Freitag der 13!“. So hört man es mehrmals am Tag und denkt sich nichts weiter dabei. Ein Volksaberglaube, der besagt, dass an einem solchen Freitag besonders viele Unglücke vonstatten gehen können. Was ist da schon dran? Es werden jedoch zu gerade passenden Zeitpunkten vermeintliche Schreckensszenarios an die Wand gemalt, die diesem Tag wie angegossen erscheinen. Beispiel Schule: Elternsprechtage, von Schülern wie Exekutionen gefürchtet werden, oder die ganzschulische Einübung eines Notfalls, z.B. eines Feueralarms. So verpasste und verpasst das gewöhnliche Menschenvolk, insbesondere junge Leute, dem Unglücksfreitag eine verstärkende Symbolik. Man lacht darüber. Man scherzt darüber. Man geht guten Gewissens nach Hause.

Abends freut man sich in Frankreich und Deutschland auf das Freundschaftsspiel der Fußballnationalmannschaften beider Länder, welches im Stade de France in Saint-Denis, einem Vorort der Hauptstadt Paris, um 21 Uhr MEZ angepfiffen wird. Eine Neuauflage des WM-Viertelfinales 2014 in Brasilien. Sehr attraktiv. Am Vormittag erreicht die DFB-Auswahl in ihrem Pariser Hotel jedoch eine Bombendrohung. Eine nicht lange währende Unruhe. Das Hotel wird für wenige Stunden evakuiert, die Bombendrohung kurze Zeit später als falsch abgestempelt und die Gäste dürfen wieder das Hotel betreten. Leichte Nervosität, die spätestens   beim Singen der jeweiligen Nationalhymnen und der Einstimmung auf das Fußballspiel am Abend schnell verfliegt. Darauf folgend der Anstoß einer interessanten Partie. Die 20. Minute läuft: das Spiel plätschert vor sich hin, auf einmal ein lauter Knall. Als Fußballfan denkt sofort daran, dass sich wieder irgendwelche Idioten einen Spaß daraus gemacht haben Böller im Stadion zu zünden. Doch die Kameras zeigen keinen Rauch. Die Zuschauer schauen sich verwundert um. Dann die 22. Minute: ein ähnlicher, etwas stärkerer Knall. Wieder kein Rauch. Keine Spur von harmlosen Böllern auf der Tribüne oder von Pyrotechnik. Die Menschen drehen sich mittlerweile verängstigt nach allen Seiten um, doch es wird nichts auffälliges entdeckt. Kurz vor Ende der Halbzeit rätselt der ebenfalls nervöse deutsche Kommentator, wie er die lauten Geräusche zuordnen soll. Beim Gedanken an die Bombendrohung am Mittag werde einem ganz mulmig, teilt er mit und vermutet, dass die hörbaren Explosionen vor dem Stadion stattgefunden haben können. Halbzeit. Durchatmen.

Nach 15 Minuten geht es wieder auf den grünen Rasen. Auffällig: die politischen Gäste des Spiels, u.a Frankreichs Staatspräsident Hollande und der deutsche Außenminister Steinmeier sitzen nicht mehr auf ihren Plätzen. Der Kommentator hat seine Nerven immer weniger im Griff. Dann beginnt das unvorstellbare Grauen, es sickern Informationen durch: drei Explosionen vor dem Nationalstadion und eine Schießerei in einem Pariser Restaurant, es gäbe Opfer. 2 Tote. 4 Tote. 18 Tote. 34 Tote. Es wird immer unerträglicher. Es heißt, es gäbe eine Geiselnahme mit 60 bis 100 Geiseln in einem Pariser Konzertsaal. Ein Fußballspiel zu begleiten und gleichzeitig von mehreren Anschlägen zu berichten führt zur Überstrapazierung der Nerven, man ist mit der Situation überfordert. Das Publikum im Stade de France weiß noch wenig. Das Spiel geht zu Ende und der Stadionsprecher gibt die vorerst bekannten Schreckensmeldungen durch, die Menschen wollen schnell das Stadion verlassen. Aus Sicherheitsgründen werden die Tore jedoch geschlossen und die Leute werden daraufhin zurückgeschickt. Eine Massenpanik bricht aus. Zahlreiche Menschen stürmen zurück in den Innenbereich, viele fallen oder brechen zusammen. Es sind Szenen, die einem den    Atem rauben. Es ist zum Heulen, was auch durch das ebenfalls überforderte Moderatorenduo deutlich wird, das kaum mehr Worte findet und nur noch raus möchte. Raus aus dem Stadion. Raus aus Paris.

Auf den anderen Fernsehkanälen wird das Ausmaß der sich andeutenden Katastrophe nach und nach transparenter, die Fakten werden offiziell: an sieben verschiedenen Orten in Paris gibt es Anschläge, wie man kurz darauf weiß von zur Terrormiliz IS gehörenden radikalen Islamisten. Die besagte Konzerthalle wird von der Polizei gestürmt. Bilanz: ca. 100 Tote. Es wird von regelrechten Hinrichtungen gesprochen. Die bis heute bekannte Anzahl der Opfer im gesamten Pariser Raum: 132 Tote, über 350 Verletzte. Es sind Ereignisse, die die Weltgemeinschaft schwerwiegend ins Mark treffen. Politiker und Bürger über den Globus verteilt solidarisieren sich auf verschiedenste Art und Weise mit Frankreich, nationale Symbole und Gebäude erleuchten in blau, weiß und rot, den französischen Nationalfarben. Und schon wieder erschleicht viele das Gefühl der nackten Angst, Erinnerungen an die Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo sowie auf einen jüdischen Supermarkt in Paris werden wach. Schon wieder Paris.

Und natürlich gibt es Leute, die darauf hinweisen, dass es in letzter Zeit auch Anschläge im Libanon, in der Türkei oder eine Attacke auf ein russisches Passagierflugzeug gab. Warum mache man jetzt so einen Aufstand auf den Straßen und in den sozialen Netzwerken aufgrund des Terrors in Paris, wenn vorher sich doch niemand um Vergleichbares gekümmert hat? Doch! Man hat sich gesorgt, man hat getrauert, doch der Zugriff und das Verhalten der Medien und der Weltbevölkerung haben sich bei den jüngsten Anschlägen in Frankreich beidseitig radikalisiert, was sich durchaus erklären lässt: Man kennt Paris als eine Stadt, die die Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geradezu verkörpert. Die Stadt der Liebe und des Friedens. So ist sie weltweit bekannt und beliebt, man wähnt sich an einem sicheren Ort, wenn man dort ist. Doch dass das universelle Symbol der Liebe wieder vom Hass gefressen, dass die Werte einer vermeintlich heilen Welt mit Füßen getreten und die Geborgenheit von Angst und Terror überwältigt werden, mag man in der Welt überhaupt nicht wahrhaben. Man ist konsterniert, geschockt, wortlos. Schon bei anderen terroristischen Attacken (ich wiederhole: nicht nur in Paris!) wuchs das Gefühl der Furcht stetig. Seien es Afghanistan, die Ukraine, Pakistan, Israel, Irak, Syrien, Nigeria und unzählbare weitere Länder. Bei jeder Schreckensmeldung stellte sich mindestens der Großteil unserer Weltgemeinschaft die Frage: „Warum? In welcher Art von Welt lebe ich hier?“ Die Anschläge in der französischen Hauptstadt bilden jedoch aufgrund der genannten besonderen Umstände einen Höhepunkt der bisher angesammelten menschlichen Ängste. Und niemand sollte wegen seiner Ängste und seiner Reaktionen auf diese, so unterschiedlich sie von Terroranschlag zu Terroranschlag auch seien, verurteilt werden. Medienkritik ist verständlich, doch nicht das Herumhacken auf den Gefühlen Trauernder und Beängstigter.

So bekam der Freitag der 13. in dieser Woche ein pechschwarzes, hässliches Gewand, das sich nun so schnell nicht wieder lösen lässt. Für wie unwahrscheinlich hat man es gehalten, dass sich die Symbolik dieses Tages auf diese Weise erfüllt? Unwahrscheinlich wie ein Aberglaube eben ist…

Ich beende den Text nicht mit einem der vielen Hashtags, denn heutzutage werden solche Gesten falsch interpretiert und verurteilt. Es kommt zu verbalem Krieg. Und das ist doch etwas, was gegenwärtig keiner von uns will.