Vierer-V

Vierer-V

Verheizt, verkommen, verdreckt, verraucht. Der Beton um dich herum – und dein Kopf auch.

Das Grüne, man hat dir das Gefühl dazu geraubt. „Photosynthese, Schutz vor Emission“ hat man dir zugeraunt. Doch du möchtest denken: „Dekoration!“ Ja! Sauerstoff haben wir doch genug! Jetzt ein Baum, das wäre toll! Um die Spuren der menschlichen Existenz zu verdecken, wenn du in einer bröckelnden zubetonierten Gasse stehst und von der Hitze gegrillt wirst. Die Pappfiguren namens „Mitmenschen“ haben um dich herum bereits resigniert, die Natur ist für sie nur noch Teil einer fragilen kugelförmigen Gestalt, die wiederum ein unbedeutender Teil einer unendlich undurchschaubaren  Gestalt ist. Kurz: Sie spüren sich nicht mehr. Doch du, JA DU, möchtest nicht vor Verzweiflung zerbrechen, sondern stechen, fühlen, Akzente setzen, innere Barrieren brechen! Du hast keinen Stolz, schon lange nicht mehr, und klaust deswegen Holz, bebastelst es, malst es an und schau an: Ein kleiner Wald! Ein sogenannter Mitmensch bemängelt: „Schänder, Schmierfink!“ und du so: „It gives me DAT FEELING!“ Und du bist wieder fresh und frohlockend, glücklich und vor Freude überkochend. Doch es hält nicht ewig. Und dann bist du wieder…

Verheizt, verkommen, verdreckt, verraucht. Der Beton um dich herum- und dein Kopf auch.

Was tun? Einfach ausspannen, an nichts denken, mal Zeit und Zwang verschenken. Gehe weit weit weg, wo dich niemand hält und du niemals fällst. Denn du brauchst soetwas nicht – du bist jetzt nämlich Anarchist! Du willst niemandem einen Gefallen tun, mal nur dir selbst – und dabei entdeckst du das Grauen wieder.

Du läufst. Dein Kopf brüllt: „ICH LAUFE!“ Du bewegst dich nicht mehr.

Du musizierst. Dein Kopf brüllt: „ICH MUSIZIERE!“ Du hörst nichts mehr.

Du liest. Dein Kopf brüllt: „ICH LESE!“ Du kriegst nichts mehr mit.

Und damit bist du zur Erkenntnis gelangt: „Ich bin nicht entspannt“. Du kannst es halt nicht. Du lässt den Stress wieder auftauchen, denn du kannst nicht woanders hin abtauchen, weglaufen, denn es ist nicht dein Naturell und du könntest innerlich am Liebsten…ersaufen. Und du bist wieder…

Verheizt, verkommen, verdreckt, verraucht. Der Beton um dich herum – und dein Kopf auch.

Du bist wieder zurück im Geschäft, du bist wieder back in the game! Mit Hoffnung auf Besserung! Mit neuen Trieben zum inneren Frieden! Mit neuer Lust, ran an die Nuss! Doch schnell erkennst du wieder das Grauen der Welt: Immer musst du analysieren! Was herrscht? Keine Motivation zur Innovation! Keine Motivation zur Emotion! Pure Stagnation! Ok, eine Angelegenheit genauer zu betrachten ist ab und zu gar nicht so verkehrt. Aber vermehrt? Wie weit gelangt man da? Freiheit wird sonst achso gepriesen! Und dadurch gerade verwiesen…Menschliche Gefühlswelten sind nur noch Statisten, und die Vernunft wurde schon vorher des Feldes verwiesen. Und nicht nur das: viele analytische Prozesse sind nur käfte- und geduldsraubend. Denn sein wir doch ehrlich: Wollte Büchner denn um jeden Preis, dass sein Schaffen von der Nachwelt zerstückelt wird? Jedes Individuum würde beim Lesen schon alleine eine Deutung finden – selbstständig! Doch diesen freien Willen hat man bei dir schon längst gebändigt! Genauso müßig ist es danach zu fragen, weshalb ein Maler in einem Bild ausgerechnet Grün verwendet hat. Naja, er hatte eben kein Violett mehr, ne? 😉

Nun denn, you’re still…

Verheizt, verkommen, verdreckt, verraucht. Der Beton um dich herum – und dein Kopf auch.

Ich spüre das bei dir, aber ich will das nicht! Nun höre meinen Rat, edler Knappe! Finde dein inneres Reich der Mitte! Das ruhende Zentrum zwischen extrem und lau, zwischen vernünftig und blau, zwischen Zwängen und Rumhängen, zwischen Schleifen und Schleifen lassen. Wenn du nur auf deinen Kopf hörst, läufst du mit ihm gegen die Wand. Wenn du nur auf dein Bauchgefühl hörst, dann…naja, auch. Schaffst du es das hölzerne Pendel in deinem Schädel in ein unschädliches Gleichgewicht zu bringen, ohne, dass es zersplittert, so küre ich dich zum großen Meister und du bist geheilt!

Jetzt bist du…

Abgekühlt, erneuert, gewaschen, refresht! Auch der Beton! “

„Wie? Echt?“

„Ja, echt!“

Gallia’s on fire

Gallia’s on fire

Würde man in der Zeit nochmal ca. zwei Monate zurückgehen und hätte man den Fußballanhängern freie Hand bei der Gestaltung des Fußballturniers gelassen, so wäre obiger Spruch sicherlich in den engeren Favoritenkreis für ein Turniermotto gerückt (ausschließlich im künstlerischen, atmosphärischen und sportlichen Sinne zu verstehn, nicht im kriegshistorischen).

Was bleibt also von der diesjährigen Europameisterschaft, mal die überzähligen freien Plätze im Stickeralbum und dem Fahnengewimmel an den Fenstern ausgenommen, denn alles im Kopfe übrig? Der Reihe nach: Gleich im Eröffnungsspiel schien bereits die halbe Internetbevölkerung zu semiprofessionellen Namensforschern aufgestiegen zu sein, als man über ZDF-Kommentator Bela Rethy herzog, dass man Frankreichs Standardmonster Dimitri Payet doch gar nicht „Pajet“, sondern „Pajeee“ aussprechen würde. Ein überlegter Blick ins World-Wide-Web verriet jedoch, dass Payet gar nicht auf französischem Festland geboren wurde, sondern in einem französischen Übersee-Department, wo Rethys Option der Aussprache gängig ist. Führungstreffer für Rethy! Des weiteren machten englische Hooligans sämtliche Gastgeberstädte zu Schlachtfeldern. Nichts neues also. Mehr Hoffnung versprühte die englische Nationalmannschaft vor dem Turnier, wobei sie noch Gegner wie Frankreich, Deutschland oder Portugal schlug. Als es jedoch ans Eingemachte ging, sahen die Three Lions ihren Job in Frankreich nach dem Sieg gegen Nachbar Wales schon getan und verabschiedeten sich kläglich im Achtelfinale. Wales (nicht Bales! hört auf damit!) machte es bekanntlich besser und schied erst im Halbfinale aus, obwohl sie doch so sehr (leidenschaftlicher als ihre großen Nachbarn) darum baten nicht nach Hause geschickt zu werden („Don’t take me home! Please don’t take me home! I just don’t wanna go to work! Let me stay here, drink all your beer! Please don’t, Please don’t take me home!!“).

Wo wir schon bei den Fans sind: die Nordiren begeisterten mit ihrem „Will Grigg’s on fire“ (die Engländer machten nach ihrem Aus und dem Rücktritt ihres Trainers übrigens daraus „Hodgson got fired“), ein Song über einen Spieler ihres Kaders, der keine Sekunde während der EM auf dem Platz stand, was von der unerweichlichen und wohltuenden Feierlaune der Nordiren zeugte. Ähnlich balsamierten die Iren die Seelen der Fußballfans, Einheimischen und sozialen Netzwerkern: Sei es das Singen von Schlafliedern für ein Baby, das Reparieren von Autos, die Reinigung der Straßen von Bierflaschen oder die Huldigung der französischen Polizei. Die „Boys in Green“ fanden zu jeder Zeit ein Mittel, um von europäischen Sympathiepunkten überschüttet zu werden. Davon können auch die Isländer nach dem Turnier ein Lied singen. Neben den überdurschnittlich lauten „Afram Island“ und „Huh“-Rufen zeigten auch ca. ein Viertel aller isländischen Profifussballer in den Arenen couragierte Leistungen, welche u.a. Europameister Portugal an den Rand einer Niederlage brachten und die Engländer ausknockten (die „Ich-hänge-an-jedes-einzelne-Wort-die-Endung-SON“ – Witze waren übrigens nach dem ersten isländischen Spiel schon übersschüssig abgenutzt und alt). Funfacts: 1. Das Siegtor gegen England erzielte übrigens „Sigthorsson“; 2. Torhüter Halldorsson war vorher erfolgreicher Filmregisseur; 3. Island hatte zwei gleichberechtigte Trainer; 4. Der Eine, Heimir Hallgrimsson, ist eigentlich Zahnarzt. Falls also jemand Fußballkommentator wird und in naher Zukunft ein Island-Spiel kommentieren muss: Zöger nicht und verbrate genau diese Fakten wohlverteilt im gesamten Spielverlauf!

Auch sportlich und gefühlsmäßig hätte diese Europameisterschaft nicht kurioser laufen können: England, Geheimfavorit Kroatien und Titelverteidiger Spanien strichen im Achtelfinale die Segel, Deutschland bezwingt Angstgegner Italien im Viertelfinale und Frankreich ihren Angstgegner Deutschland im Halbfinale. Und wer wird schlussendlich Europameister? Portugal! In ihrer Gruppe auf Platz hinter Ungarn und Island gelandet und Glück gehabt, dass die punktgleichen Türken und (leider mit zu viel Pech bestückten) Albaner schlechte Torverhältnisse vorweisen mussten. Nur gegen Wales schossen sie innerhalb der regulären 90 Minuten mindestens einen Treffer und besiegten paradoxerweise Frankreich größtenteils ohne Cristiano Ronaldo, welcher am Ende von der Ehrfurcht der eigenen Mannschaft beinahe erdrückt wurde. Klar hielt er das Team gegen die Magyaren mit Bravour im Turnier und motivierte im Finale in bester Coachingmanier, aber waren es nicht etwa auch Torhüter Rui Patricio, Kampfschwein Pepe oder Taktikfuchs Fernando Santos, die Portugal langfristig am Leben hielten? Just saying, aber Ronaldos (berechtigte) Tränen von der Verletzung hatten wohl eine übermenschliche und magische Wirkung auf alle Umstehenden…Schmerzlich war auch der Abgang Italiens aus dem Wettbewerb, einhergehend mit den Tränen Buffons und Barzaglis, wegen derer man sich als subjektiver Betrachter des Geschehens sogar leicht für den Sieg der deutschen Mannschaft schämen konnte.

Und sonst? Größen wie Ibrahimovic, Cech und del Bosque traten von ihren Tätigkeiten bei ihren jeweiligen Nationalmannschaften zurück, der „echte“ Neuner als Sturmoption erhielt wieder den Respekt den er ursprünglich verdiente (das „Falsche Neun“ Geschwafel soll endlich ein Ende haben! Nochmal ein Aufruf an alle angehenden Kommentatoren: Benutzt diese Phrase nicht!), Bayern München kann sich auf Renato Sanches freuen, Griezmann wird mit Abstand Torschützenkönig, Belgien bewies eindrucksvoll, dass man ohne ein Teamgebilde nicht weit kommt, England schaffte es innerhalb einer Woche  Europa zweimal den Rücken zuzukehren und in der Schweiz ist doch nicht alles so (reiß) fest und sicher wie es scheint.

Und ach ja: demnächst ist wieder Bundesliag!

HUH!