Na? Humorphob?

Na? Humorphob?

Nein, humorphil. Und jetzt lass gut sein. Habe gerade sowieso zu tun. Für einen löblichen Text reicht es heute trotzdem.

Ingmar Stadelmann, Kabarettist/Komiker und Radiomoderator, war am 2. Freitagabend im Dezember in der Kaue in Gelsenkirchen zu Gast. Überschaubarer Rahmen für einen Mann, der bereits alle möglichen Comedy- und Kabarettpreise eingeheimst hat. Doch gerade hier und unter den Leuten, um die 100, im Raum schien er sich wohl zu fühlen, schließlich war gefühlt von 18 bis 958857637 Jahren alles dabei.

Das „Gefühlte“, auf TV-schlau auch als „postfaktisch“ bekannt (die Autokorrektur hat es mir unterstrichen, obwohl es das Wort des Jahres geworden ist. Manno.), war ein Thema des Abends. Was mit den Wetterberichten im Fernsehen und Radio begann, wo man uns neben der gemessenen auch eine gefühlte Temperatur verkündet (wer auch immer das fühlt), setzt sich nahtlos in der Politik und in den Ängsten der Menschen fort: Die AfD und Co gibt uns vor, dass wir von Horden von Flüchtlingen überrant und geplündert werden, was viele ohnehin besorgte Bürger im Osten der Bundesrepublik anhand von Facebook und anderen ertragreichen Nachrichtenquellen dankend annehmen. Laut Stadelmann, selbst aufgewachsen in Salzwedel in Sachsen-Anhalt, wo man ohne weiteres nicht zufällig auf der Autobahn vorbeikommt (bzw. überhaupt nicht), wüssten die meisten Ossis gar nicht, was Rassismus überhaupt sei. Alte DDR-Denkmuster eben…alle sind Mörder…und Volksverräter…außer die Russen…und Sputniknews…

Daraus zog Pro7-Allzweckwaffe Stadelmann eine wichtige Lehre. Eine wohltuend ernste Stelle des Abends, an dem sonst durchgehend herzhaft gelacht wurde: Heutzutage kramt man zunehmend nur in einer Schublade und öffnet nur ein einziges Fenster im Kopf. Während man sich früher noch im regen Austausch mit Menschen aus Fleisch und Blut befand, die eventuell andere Zeitungen als man selbst gelesen haben, separiert man sich heutzutage zunehmend selbst und spannt das eigene Netz im Kopf nur bis zu der Grenze, wo Facebook aufhört. Aus dem Zustand soll man heraus, sich mal den Fakten annehmen und nicht wohlwollend in einer paranoiden Haltung verharren.

Auf Umgang mit Ängsten, am Programmtitel „humorphob“ unschwer zu erkennen, wurde ebenfalls eingegangen. Wir seien angsterfüllt im Angesicht der weltweiten Bedrohungen, der Rest der Welt auch und die Franzosen sowieso. Nichts wird getan, nur beschwert und gejammert („Wie konnte DAS DENN nur passieren???“) und weil unseren Regierungen nichts Effektiveres einfällt, werden lustig hysterisch Bomben auf Terroristen geworfen. Noch gefährlicher werden Alltagssituationen zudem dadurch, dass wir falsch mit Humor umgehen. Satire kriegt aufs Maul und politische Statements der Chefdemagogen Höcke und Petry werden weggelächelt. Und nach den Wahlen kommt konsequenterweise die Frage: „Wie konnte DAS DENN nur passieren?“…Tja…

Gewürzt wurde der Abend mit herrlichen Anekdoten. Wie unsere Hauptstadt Berlin von dem vorhin genannten kollektiven Wahnsinn einfach mal gar nichts mitbekommt und nach wie vor die kompromisslosesten Busfahrer des Planeten besitzt. Wie Deutschland die Ost-West Grenze bis heute in den Saunen des Landes bewahrt und auf der Autobahn seinen ganz eigenen „Linke-Spur“ Fetischismus besitzt. Es ist ein Abend der Extremen, an dem Ingmar bewusst herausfordernd kein Blatt vor den Mund nimmt. Er lässt aber auch das Publikum die zweite Hälfte des Programmes mitgestalten, woraus sich eine explosiv witzige Mischung entwickelt, da die Zuschauer ähnlich herausfordernd wie Ingmar agieren.

Ein erfrischend humoristischer Abend, der zum Nachdenken angeregt hat und so manche Klischees über Bord wirft. Stadelmann versteht es exzellent, die Grenzen zwischen Comedy und Kabarett verschmelzen zu lassen. Ein durchweg gelungener Abend!