Am Abend zuvor war Jakub das Einschlafen noch unmöglich vorgekommen, viel zu warm war es in seinem Zimmer gewesen. Die Bettdecke nach links gewendet, dann rechts, dann Ende und Anfang vertauscht, sogar den Bettbezug wechselte er. Ob er überhaupt noch geschlafen hatte, das wusste Jakub nicht mehr, jedoch konnte er sagen, dass er mindestens 4 Stunden regungslos dagelegen hatte. Als er es nach 15 Minuten endlich schaffte sich aus seinem Bett zu schrauben, fiel ihm noch etwas anderes auf: Es war bitterkalt um ihn herum. Dabei hatte er sich doch vorher noch einen Wolf geheizt, sodass es ihm den nötigen Schlaf raubte. Und jetzt das hier. Gerade jetzt. Vor der Schule. Lieber hätte sich Jakub an den Heizkörper gekettet, ihn umarmt und nicht wieder losgelassen. „Energieverschwendung“ hallte es ihm geisterartig durch seinen Kopf, die ihn umgebenen Erwachsenen hatten es ihm bis zum Erbrechen eingebläut. Eltern, Tante, Onkel, Großeltern, sogar ferne Cousins. Von letzteren wusste er nicht viel, doch sie schienen nicht wirklich einen eigenen Willen zu haben und studierten Physik oder so. Auch sie wurden anscheinend durch den Öko-Terror, der den Familienstammbaum zu markieren schien, indoktriniert. So nannte es jedenfalls Jakub, behielt so etwas jedoch besser für sich. Nicht noch einmal wollte er einen Streit beginnen. Dabei war er doch selbst umweltbewusst und die schmerzhafteste Moralpeitsche seiner Gegend, gleichzeitig war er aber auch die einzige Person, die mit Selbstironie diesen Eindruck zu schmälern wusste. Schließlich bestand die Welt nicht nur aus Öko-Freaks und Weltverbesserern. Zumindest seine Stadt nicht. „Dreh den Hahn zu! Du tötest die süßen Eisbären!“ oder ähnliche mit einem Lächeln verzierten Sprüche zeigten jedenfalls immer ihre Wirkung. Von traurigen bis erheiterten Gesichtern war alles dabei.

Sparsam wie sein Schlaf war auch Jakubs Frühstück. Zwei kleine dreieckige Scheiben Schwarzbrot und papierdünner Käse dazwischen, das reichte ihm völlig, dazu viel zu starker schwarzer Tee, der eher müde als munter machte. Danach schnell noch den Pullover und die Jeans an und zum Bus. Auf halbem Weg zur Haltestelle fiel ihm noch ein, dass er seine Thermoskanne stehen gelassen hatte, doch nach Hause zurückzukehren erschien ihm sinnlos, schließlich brauchte er die noch lange Zeitspanne vor der Schule, um nachzudenken. Außerdem war es sowieso nur Rooibostee. Was ihn dazu trieb ausgerechnet diesen grässlichen Tee zu kaufen, wusste er selbst nicht so genau. Rooibos. Südafrikanische Hülsenfrucht. Klang interessant, schmeckte zu Jakubs Verärgerung leider nicht.

Es war kalt draußen. Nicht drückend kalt, eher erfrischend kalt. Trotz der Temperaturen schien den Menschen an der Busstation, hauptsächlich Schüler, ihr Image wichtiger zu sein als ihr körperliches Wohlbefinden. Chucks ohne Socken und zerrissene Jeans. Jakub war zwar ein großer Fan von Individualität, doch selbst für ihn waren diese Arten von Grenzüberschreitung zu heftig. Obwohl er halbwegs warm angezogen war, zog er seinen Schal noch höher, sodass er Hals bis Mund komplett verdeckte.

Die Leute im Bus waren nicht besser, jedoch sorgten sie dafür, dass Jakub sein Selbstwertgefühl aufpolieren konnte: Eine ältere Frau schrie wahllos Schüler an, ein Mann in Jogginghose hielt seinen Dackel frontal in das Gesicht eines kleinen Kindes, ein kleiner Junge (dessen Handydisplay größer war als der Kopf des Besitzers) rutschte in jeder Kurve aus, weil er zu stark in sein Handyspiel vertieft war und ein weiterer Mann leckte an den Haltestangen im Bus, was in etwa genauso gesund ist wie verflüssigtes Ammoniak zu trinken. „Ein wenig wie im Internet“, dachte sich Jakub. Nicht nur junge Menschen benehmen sich dort daneben und erlauben sich die ein oder andere Peinlichkeit, sondern auch (scheinbar) gestandene Erwachsene. Familienväter, Studierte, Ärzte etc. verbreiten billige, abgedroschene Sprüche und Bilder, die mit „TEILE DIESES BILD WENN DU DAS AUCH SO SIEHST“ enden. Zudem werden zum Zwecke der Informationsverbreitung unseriöse Quellen geteilt und mit Phrasen wie „unfassbar“, „unglaublich“, „scheiße“, „Dreckspack“ oder „Den schlag ich zusammen!!“ versehen, damit die eigene Meinung ja nicht ausbleibt. Im Bus konnte sich Jakub das Trauerspiel folglich aussuchen: Sowohl sein Smartphone, als auch seine unmittelbare Umgebung lieferten ihm den Beweis dafür, dass ein Großteil der Menschen orientierungs- und hemmungsloser geworden ist, und das noch auf eine unerträgliche Art und Weise.

In der Schule würde er heute halbwegs selbstbeherrschte und bewusster lebende Leute treffen (zumindest einige), wenngleich ihn dieser vergleichsweise milde Gedankengang bezüglich seiner Mitschüler selbst überraschte. Jakub hatte nur wenige richtig gute Freunde, und die hat er erst im Spätherbst seiner Schullaufbahn kennengelernt. Viel zu spät also. Nach der Schule würden seine Bekanntschaften wieder im Sand verlaufen und die Suche nach neuen müsste beginnen. Wie mühsam. Vorerst genoss er seinen aktuellen Bekanntenkreis, doch auch das konnte äußerst frustrierend sein. Denn er mochte ein Mädchen, eigentlich fand er drei oder vier andere auch ganz gut, sogar sehr gut, doch das eine gefiel ihm getrennt von den anderen. Andererseits hasste er sie und beschimpfte sie in den 1000 ausgedachten Szenarien in seinem Kopf. Ihm war heiß und kalt zugleich, wie abends und morgens in seinem Zimmer. Mal redeten sie viel miteinander, sie lachte Jakub an, er lächelte sie an, sie verstanden sich prächtig. Doch an anderen Tagen schien sie an ihm vorbeizuschweben und würdigte ihn keines Blickes, lachte mit anderen. Ihn machte das traurig und sauer, obwohl er genau wusste, dass er ihr damit Unrecht tat. Er war gespannt, wie es heute sein würde. Wohlgefühl oder totale Verbitterung.

Eines stand fest: Mit seinem besten Freund würde er heute etwas essen gehen. Und dann gute Musik austauschen. Jetzt war Jakub an der Schule angekommen. Seine Jeans war nass, nachdem er aus dem Bus ausgestiegen war, denn der Bürgersteig hatte sich in eine gigantische Pfütze aus Schlamm und Resteis verwandelt. Noch 20 Minuten bis Unterrichtsbeginn. Jakub stellte sich an das Volleyballfeld auf dem Schulhof, weit weg von seinen Mitschülern. Um weiter nachdenken zu können. Denn in 20 Minuten hatte er Physik. Oder so.

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