Um 3 Uhr morgens am 15. Juli 2017 war auch für mich Schluss. Die Aftershowparty des Abiballs steuerte auf ihr wohlverdientes Ende zu. Vor etwa einer halben Stunde bekam der DJ allmählich eine, für mich nicht vollends nachvollziehbare, Eingebung, die ihm diktierte, Bierzelt-Ballermann-Tralala Musik zu spielen. Der Kollege links neben mir am Tisch signalisierte mir durch demonstratives Tippen auf seine imaginäre Uhr, dass „das Gute“ schon ausgemerzt sei und man den Ort eher verlassen sollte, bevor die Mallorca-Hits einem die euphorische Laune austreiben. Die verbliebene halbe Stunde suchte ich noch nach Mitschülern, um sie zu drücken, abzuklatschen bzw. gebührend zu verabschieden. Musste ja nach 8 Jahren gemeinsamer Schulzeit und Abitur mal sein.

Wir waren eine, wie sagt man doch gleich…interessante Stufe. Dieses Adjektiv ist deswegen so passend, da die Mischung nicht jedem Unbeteiligten gut bekam. Die einen fanden uns tatsächlich interessant oder attraktiv und lernten uns lieben. Die anderen verlachten uns und erklärten uns für unfähig. Um jedoch nicht kränkend zu klingen sagte man nicht „schreckliche“ oder „katastrophale“ Stufe, sondern verwendete das zynische „interessant“.

Gut. Organisationstalente und Fleißbienchen waren wir nie. Die Abschlussfahrt im Oktober 2016 wäre beinahe geplatzt, da nicht genügend Schüler ihre Anmeldezettel abgaben und das Datum für die Verleihung der Abiturzeugnisse hatten manche Experten zwei Tage vor dem besagten Termin nach wie vor nicht parat. Auch wurden Lerneinheiten für Klausuren erst am Tag vorher begonnen oder Facharbeiten (mit freundlicher Unterstützung von Energydrinks) in der Nacht vor der Abgabefrist schnell zusammengebastelt. Immer wieder schlugen Lehrer, unabhängig ob länger im Dienst oder erst frisch ins Haibecken „Schule“ gesprungen, die Arme über den Köpfen zusammen. Eine solche Stufe hätten sie niemals erlebt, Defizite hier und da, asozial blablabla. Alles Geschichten und Dystopien! Natürlich waren wir nicht der beste Jahrgang aller Zeiten, doch bei weitem nicht der schlimmste. Viele Lehrer erkannten das und behandelten uns dementsprechend respektvoll und entspannt, was uns stellenweise angenehmes Balsam auf die geschundenen Schülerseelen war (eine Verbeugung und einen Applaus an eben diese Lehrer!).

Schließlich hatten wir eine ganz ordentliche Abiturientenquote! Das zählt am Ende und zeigt, dass wir doch nicht ganz anspruchslos unser Schülerdasein verbracht haben!

Und überhaupt, wir waren eine herrlich bunte Truppe, ein Paradebeispiel für gelungenes Zusammenarbeiten und gemeinsamen Umgang der unterschiedlichsten Kulturen und Nationalitäten. Ganz ohne Konflikte kamen wir natürlich nicht aus, doch Herkünfte oder soziale Hintergründe boten, außer bei internen Witzeleien, eher kein Konfliktmaterial. Wo wir herkommen, wer uns großgezogen hat oder wie wir leben. In der Schule haben wir uns darum niemals gekümmert. Weshalb sollten wir es auch an die große Glocke hängen? Für uns war diese Konstellation an Schülern Normalität, homogene Gruppen waren uns dagegen fremd. Wir fühlten uns im Kollektiv immer ziemlich cool und verstanden uns quer durch den gesamten Jahrgang prächtig. Im Endeffekt war kaum zu identifizieren, wer ursprünglich zusammen in eine Klasse ging, wer als Seiteneinsteiger zu uns kam oder mal sitzen geblieben ist. Wie auch, wenn man in den 5-minütigen Pausen die parallel laufenden Leistungskurse besucht, um sich ein Bild von anderen Zusammensetzungen zu machen und die Lehrer irgendwann denken, dass die Pausenbesucher zum eigenen Kurs gehören. „Ich mag es ja, dass ihr euch alle so lieb habt“ sagte dazu mal unsere Mathematik-LK Lehrerin, nachdem ihre Schüler Liebkosungen mit dem parallelen Deutsch-LK austauschten, dessen Schüler gut und gerne in den Pausen unsere Tafelbilder begutachteten. Dem ganzen wurde die Krone aufgesetzt, als ein Gast aus dem Deutschkurs unserer Lehrerin anbot, ihr etwas vom Bäcker zu holen. Ja, auch die Lehrkräfte gehörten zu unserer Jahrgangskonstellation und waren Empfänger unserer sympathischen Art.

Egal, wo wir uns zusammen aufhielten, stets fielen wir irgendwie auf (natürlich NIEMALS negativ *zwinker*). Aktuelles Beispiel: Bei unserer Abschlussfahrt nach Berlin erhielt ein Teil der Stufe Karten für „THE ONE GRAND SHOW“ im Friedrichstadt-Palast, eines der führenden Revuetheater in Europa. Die Gäste waren ein Mix aus gewöhnlichen Besuchern und Schülern, die nicht zu unserer Schule gehörten. Und eben wir. Alle, sogar die anderen Schüler, waren schick eingekleidet, elegante Abendgarderobe war angesagt. Nur bei den meisten von uns nicht. Jeans, T-Shirts, Strickjacken, Turnschuhe. Eine Mitschülerin hinter mir piepste schon nervös, weshalb nur wir nicht Kleider oder Sakkos tragen würden. Wie Recht sie hatte, überraschend kam es jedoch nicht. Nicht alle fühlten sich wohl, vielen schien die Umgebung sehr teuer zu sein, sodass mein Sitznachbar in einem Anfall von Realitätsverlust anfing nobel mit der Hand zu wedeln und nach Champagner zu verlangen. Er lachte lange über seinen kleinen Spaß (ich auch), denn er dachte, dass er damit die vermeintliche Welt der „Reichen und Schönen“ necken würde. Wie gesagt, wir fielen eben auf. Bei unserer Fahrt nach England in der 9. Klasse liefen einige von uns in den Gassen rund um die Kathedrale der Universitätsstadt Canterbury herum und suchten Beschäftigungen. Während ein Kumpel und ich in einem Imbiss saßen und „Chicken Nuggets and Chips“ aßen (weil wir zu geizig für „Fish and Chips“ waren), entdeckten einige unserer Fachmänner, dass es billige kleine Wasserpfeifen für Jugendliche zu kaufen gab. Später konnte man an diesem Vormittag unsere kleinen Gangster anhand der Rauchschwaden in den Straßen Canterburys ausfindig machen. Oder der Tagesausflug in der 8. Klasse nach Köln, als es im hiesigen Schokoladenmuseum richtig laut wurde, da eine Gruppe Jungs ein in die Ausstellung integriertes Spiel fand, welches nur mit mehreren Leuten gespielt werden konnte. Wir stampften und brüllten solange, bis wir den Rekord dieses Spiels brachen! 5 STERNE TEAMWORK!

Wir konnten noch so auffällig sein, brav waren wir allemal. Schwierig zu begreifen, ist jedoch die Wahrheit. In England haben wir niemanden verloren, Berlin war nach unserer Fahrt nicht in sich zusammengefallen, die sogenannte Mottowoche forderte keine Personen- und Sachschäden und „weggemobbt“ wurde übrigens auch niemand.

All diese Bilder zogen am Abend des 14. Juli und am Morgen des nächsten Tages an uns vorüber. Bilder von diesen Erlebnissen und Schulstunden. Bilder der Menschen, die man schon immer mochte oder erst später (vielleicht sogar zu spät) zu schätzen gelernt hatte. Bilder der Eltern, die uns Opfer brachten, die dergleichen suchen. Bilder der Lehrer, die uns leiden ließen oder mit uns litten. Wie oft wir die Schule verflucht haben, genauso oft werden wir alle (oder zumindest die meisten) ihr nachtrauern. Die Zeit, die wir gemeinsam erleben durften, war, allen Zweifeln zum Trotz, ein einzigartiges Privileg.

Ein allerletztes Mal standen wir beim Einlauf der Abiturienten beim Abiball zusammen im Rampenlicht. Dazu lief das Lied „Heroes“ von Måns Zelmerlöw, der lautstark vor dem Refrain verkündete: „We’re the heroes of our time!“. Wie passend.

Der Rest war Ekstase auf der Aftershowparty und ein kleines Stück Geschichte, das wir den Geschichtsbüchern diktiert haben. Danke an alle!

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