Physik war vorbei. Endgültig. Und überhaupt: Alles war vorbei, keine sinnfreien Fächer mehr, bei denen maximaler Aufwand zu minimalem Erfolg führte. Referate, zusätzliche Aufgaben, alles hatte Jakub gemacht, um notentechnisch glänzen zu können, geholfen hat davon exakt nichts. Nach der Einreichung von zusätzlich gestellten Aufgaben hatte Jakub fächerübergreifend die Hälfte dieser nicht zurückerhalten. Dies hätte für ihn persönlich allerdings keine Rolle gespielt, die Materialien wären sowieso als Anzünder beim nächsten großen Familien-Grillen geendet. Ach ja, seine Familie aß doch kein Fleisch. Ob man Sauerkraut wohl grillen könnte, fragte sich Jakub. Er stellte es sich ziemlich ekelerregend vor, zumal der Weißkohl am Rost kleben bleiben würde. Dann würde er den Berg von Papier wohl eben an seine ehemaligen Mitschüler veräußern müssen, die würden ihn wohl auch ohne Grillfest in die Luft jagen wollen. Grillen konnte man Jakub zurzeit auch. Die Bushaltestelle seiner Schule befand sich in einer besonders depressiven Lage, eingeengt zwischen bröckelnden, unbewohnten Mehrfamilienhäusern und dubiosen Trinkhallen, wo bestimmt nicht nur Süßigkeiten und Zeitschriften verkauft wurden. Bäume gab es in dieser Straße nicht. Zum einen würden sie die Luftqualität in dieser Gegend erheblich verbessern, zum anderen, und das war Jakubs aktuelles Problem, würden sie an solch heißen Sommertagen ausreichend Schatten spenden. Stattdessen kochte dieser Straßenkessel aus 110 % Beton regelmäßig über, quälte Schüler, die auf verspätete Busse warteten, und hinterließ meterlange Risse in der Straße, dessen Reparatur die Stadt schon über Jahre hinweg verschleppte. Natürlich würden sie erst dann eine Baustelle errichten, wenn alle anderen Baustellen der Stadt ebenfalls beginnen und so das ultimative Verkehrschaos vorprogrammiert wird. Happy days.

Jakub jedenfalls durfte noch ein paar Minuten vor sich hin kochen und sich einen Sonnenbrand im Endstadium abholen, bevor er in den klimatisierten Bus stieg. Auch wenn es kurzfristig angenehmer wurde als draußen, Jakub hasste Klimaanlagen. Ein zuverlässiger Erkältungsgarant, der dafür sorgte, dass sich seine Mitschüler mit dem schlimmsten Kratzhusten von ihm in den Sommer verabschiedeten. Oder waren sie doch alle Raucher? Jakub hoffte es inständig. Nun gut, sei’s drum. Er hatte einen Sitzplatz und noch 30 Minuten Fahrt, die er zum schlafen oder lesen nutzen konnte. Doch zu interessiert war er daran, was seine Mitmenschen um ihn herum taten oder sagten. Die meisten redeten über ihren Sommerplan, ihren krass trainierten Strandkörper oder dergleichen. Cocktails mit Eiswürfeln an der Strandbar auf Mallorca oder so. Für diese Leute war der Urlaub in dem deutschen Überseegebiet auf spanischem Territorium reine Routine. Herbst, Winter, Frühling, Sommer, immer wieder ging es dorthin. Und wenn man diese Menschen fragte, ob sie denn künftig dort ein weiteres Mal ihre freie Zeit verbringen würden, lautete die unterkühlte Antwort jeweils gleich: „Ja, wie immer ne? Bisschen Sonne, bisschen trinken, wohlverdienten Urlaub halt ne!?!“ . Warum diese Leute ihren Urlaub als verdient empfanden war Jakub allerdings schleierhaft. Ein großer Teil von ihnen hat nichts Nennenswertes geleistet, und außerdem hatte Mallorca doch auch schöne Ecken, an denen man sich nicht nur gehen lassen, sondern, umgeben von einer schönen Inselatmosphäre, auch ohne großes Partygemetzel entspannen konnte. Das dachte Jakub jedenfalls, er kannte die Gegend nicht. Ohnehin war ihm Nordseeurlaub deutlich lieber. Frische Luft, viel Fisch, keine Partytouristen. Und wenige Getränke, zu denen Eiswürfel passten. Dieses gefrorene Wasser in Gläsern war doch echt das Letzte: Unhygienisch, viel zu kalt, mehr Eis als Getränk, wo war der Sinn der dahinter? „Komm Jakub, nimm doch auch welche, ohne schmeckt es doch gar nicht!“ wurde ihm oft gesagt, obwohl er schon mehr als oft genug in seinem Leben darauf aufmerksam gemacht hat, dass er alles ungekühlt trinkt. ‚ICH entscheide das! Nicht IHR! SO EIN DRECK!‘ dachte sich Jakub, dem die vorherige Hitze in Kombination mit seinen aktuellen Gedanken nicht wirklich gut zu Gesicht stand. Anscheinend hatte er etwas zu laut gedacht, denn die Hälfte des Busses war kurz still geworden und beäugte Jakub verwundert. Er sah in diesen starrenden Leuten ausschließlich leere und stumpfe Blicke, was seine Aggressionen nicht schmälerte, doch Jakub verstand es wie kein anderer sich zu beherrschen, wenn das öffentliche Leben ihm zusah. Er beruhigte sich, der Rest des Busses redete weiter und Jakub versuchte ein wenig zu lesen. Doch entspannt konnte er das nicht tun, ständig sprang er ein paar Zeilen zurück mit dem Gefühl, einen wichtigen Aspekt überlesen zu haben und wurde wieder nervös. Dabei war es doch nur ein Roman und die Leseumgebung machte ihm auch nicht viel aus. So langsam kam ihm der Gedanke, dass das analytische und spaßbefreite Lesen aus der Schule seine unbefangene Lesefähigkeit beschädigt haben könnte. Warum sonst sollte aus dem „1000 Seiten-pro-Tag-Jakub“ eine Leseschnecke geworden sein? Also beobachtete er aus Frust darüber weiter andere Leute.

‚Nein, es ist nicht wahnsinnig, sich für andere Menschen zu interessieren. Andererseits müsste ich wahrscheinlich an meiner Vitalität zweifeln‘, dachte er sich. Schließlich war es spannend zu beobachten, was Menschen, ohne einen Ton zu sagen, denken könnten. Gerade auf dem Heimweg hatte sich Jakub damit oft die Zeit vertrieben, gerade bei Mitschülern, die er persönlich nicht kannte. In der Schule stand er quasi unter Entzug, diese Verhaltensweise hatte er sich im Unterricht nach und nach abgewöhnen müssen. Im noch jüngeren Alter war Unterricht teilweise semirelevant geworden, als von einem Jahr auf das andere Jakub in neue Kurse kam und die ungleiche Geschlechterverteilung seiner vorherigen Kurse eine Drehung um 180° Grad machte. Während er bisher nur Mitschüler kannte, wusste er auf einmal, was diese Mitschülerinnen waren. Mädchen hatte er seit der Grundschule nicht mehr im selben Klassenraum gesehen, umso größer war für Jakub das Ablenkungspotenzial im Unterricht. Aktuell konnte er sich höchstens vage erinnern, was er damals in Deutsch gelernt hat. Schärfer war seine Erinnerung jedoch daran, dass bei der persönlichen Notenbesprechung zum Halbjahr seine Deutschlehrerin ihm ein außerordentliches Potenzial bescheinigte, das sich jedoch nur teils in der Gesamtnote niederschlug, da er sich während der Arbeitszeiten zu ausgiebig über die Tätigkeiten seiner Mitschülerinnen amüsierte. Danach war Jakub im Unterricht wesentlich fokussierter.

Er war fast zuhause. Weiter konnte er mithören, wie Leute von Reisen in 826473 verschiedene Länder schwärmten, um ihren ‚Horizont zu erweitern‘. „Also ich bin ja sooooooo offen anderen Menschen gegenüber und ich treffe ja sooooo gerne neue Leute. So many new crazy people OMG!!!!“, sagte ein Mädchen vorne im Bus. Dass diese Leute, die vorgeben besonders kultiviert und klug zu sein, ihren Trip nur dazu nutzen, um zu trinken und viel Geld zu verbrennen, war Jakub halbwegs klar. Ein ausgesuchtes Land, viel Zeit nehmen für dortige Tätigkeiten und Vorbereitungen, echte Neugierde, von solchen Menschen war Jakub beeindruckt und schätzte sie für ihr Engagement. Die anderen Vielreiser würden von ihrer ‚Bildungsreise‘ spätestens zu Karneval wieder zuhause sein, um sich dort einen hinter die Birne kippen zu können. Dann würde der Horizont nicht nur erweitert, sondern auch blau sein.

Jakub war ausgestiegen und musste noch ein wenig laufen. Hier war es bereits angenehmer. Mehr Schatten, mehr Grün, frischere Luft. Im Augenwinkel sah er kleine Kinder heranschleichen, gleich würden sie ihn wohl erschrecken wollen. Er erahnte richtig, die Kinder sprangen hervor und richteten abgerissene Äste wie Degen auf ihn. Jakub fand das sympathisch, immerhin spielten sie draußen. Belustigt und zwinkernd sagte er zu ihnen: „Hab euch gesehen, viel Spaß euch noch.“. Für ihn unerwartet schmiß ein Junge aus der Gruppe Kinder einen Ast nach ihm und schrie: „SCHÖN FÜR DICH!!!“. Jakub war schockiert, wie aufmüpfig die Kinder plötzlich wurden und mahnte sie weniger frech zu sein, wofür er sich vom selbigen Alphatier-Jungen, angestachelt vom Rest, ein „SAGT DER RICHTIGE!!!“ fing. Nun war Jakub endgültig sauer über den mangelnden Respekt von Seiten des jungen Gemüses. Waren er und seine Mitschüler in diesem Alter so dermaßen frech zu Älteren? Ganz bestimmt nicht. „SO EIN DRECK!!!“ brüllte er, kramte seinen Haustürschlüssel aus der Tasche und ging weiter nach Hause. Auch diesmal erntete er Blicke für den Ausruf, doch diesmal eher erschrockene. Zudem hörte er ein kollektives kurzes Rascheln hinter sich. Die Kinder hatten ihre in der Sonne getrockneten Äste fallengelassen.

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