Also die Uni wirkte schon anders auf Jakub. Nicht besonders kompakt, man sieht jeden Tag neue Gesichter, fast wie eine Großstadt. Die Schule war für Jakub, bei allen Querelen, dagegen ein geräumiges Paradies. Jedes Gesicht war bekannt. War man aufmerksam, so kannte man auch die meisten Namen. Genauso wie man die Räumlichkeiten irgendwann komplett auswendig kannte, jede Delle in einer Tafel, jeden klinisch toten Projektor, jedes von gelangweilten Schülern kunstvoll gestaltete Gemälde auf den Tischen und auch jeden (gelegentlich sogar bemalten) Kaugummi unter dem Stuhl.

Gut, Jakub fand sich mittlerweile zurecht, ihm gefiel die Uni. Dennoch zog er ständig Parallelen zu dem vorherigen Abschnitt seines Bildungsweges. Weil er regelmäßig Parallelen zog. Immer. Überall. Unnötig, wusste Jakub selbst, anders konnte (und wollte?) er jedoch nicht. Vor dem Gebäude, in dem sich der Hörsaal der nächsten Vorlesung Jakubs befand, stand ein mit zwei Blumenkränzen verziertes Mofa. Eine Art von Schmuck, welchen man sonst von Fahrrädern kennt. Das Mofa stand alles andere als stabil an seinem Ort, es drohte jeden Moment zu kippen und wurde nur noch von einer Reihe benachbarter Fahrräder gehalten. Jakub konnte es wieder richtig hinstellen, vielleicht würde er der Fahrerin, die er hinter dem Fahrzeug vermutete, einen Gefallen tun. ‚Bestimmt wieder eines dieser Kunstwerke, das ich nicht verstehe und nachher fallen alle möglichen Leute über einen her, weil man es beschädigt hat‘, dachte sich Jakub, nachdem er das Mofa minutenlang angestarrt hat und unberührt ließ und ging hinein, die sommerliche Hitze hatte ihm ohnehin zugesetzt. Wie kam man auch auf die Idee, an einem solchen Tag eine Windjacke anzuziehen. Irgendein Wetterbericht hatte einen stürmischen Tag vorhergesagt, es schien sich aber auch der einzige in der gesamten Internetlandschaft zu sein, der einen solchen Wetter-Geheimtipp fabriziert hat.

Im Hörsaal angekommen und Platz genommen stellte Jakub fest, dass sich im Vergleich zu den letzten Veranstaltungen nichts verändert hatte. Die Personenkonstellation pendelten sich langsam ein: Im vorderen Viertel saßen die vermeintlich angehenden Top-Studenten, interessiert und im ständigen Austausch mit dem Dozenten. Dahinter die eher Moderaten und Fleißigen. Sie sind eher ergebnisorientiert und reden schon seltener. Im hinteren Viertel sitzen die Experten, welche den Lärmpegel konstant hoch halten oder auch überhaupt nicht erscheinen. Diejenigen im Viertel davor sind hingegen ebenfalls fleißig, jedoch fürchten sie sich vor einem plötzlich den Hörsaal herauf marschierenden Professor, der sie befragen könnte. Zudem leiden sie unter der Lärmwand unmittelbar hinter ihnen. Und wieder gab es diejenigen, die zu Beginn der Vorlesung auf ihrem Laptop die ersten Punkte mitschrieben, bis sich bei ihnen plötzlich Facebook öffnete. 10 Minuten wird dann mit der Anschauung von Videos zugebracht, bis der Laptop schließlich zugeklappt wird und die betreffende Person gehen möchte, wofür natürlich die Hälfte der Reihe aufstehen muss. Also: alles wie gehabt. Und ach ja, der Professor am Rednerpult. ‚Großartig‘, fand Jakub und ihn faszinierte hierbei nicht unbedingt der, zugegeben eigentlich interessante, Inhalt des Vortrages, den der Professor hielt. Die wissende und gleichzeitig fast euphorische Art des Erzählens machte ihn beinahe ungläubig. Wie kann ein Mensch sich im Laufe seiner Laufbahn eine solche Masse an vertieftem Wissen zu seinem Fachgebiet, gepaart mit Allgemeinwissen und Anekdoten, aneignen, ohne dabei zu platzen? Und dabei die Freude, eben dieses Wissen an naive, gelegentlich zuhörende Studenten vermitteln zu wollen, um zum Erfolg der universitären Laufbahn jeder Nase im Hörsaal beizutragen. Wahnsinn. Dieser Overkill an Wissenschaftlichkeit bzw. an dem, was Jakub für eine solche hielt, stresste ihn und er brauchte eine Pause. Der Professor sah das anscheinend ähnlich und gewährte seinen Studenten eine 10-minütige Pause, „um das Gelernte zu verarbeiten“.

Das ließ sich Jakub nicht zweimal sagen und ging kurz Sauerstoff tanken. Das Mofa lag mittlerweile, die Fahrräder konnten es nicht mehr halten. Er fragte sich gerade ernsthaft, was genau er von der vorausgegangenen Vorlesung behalten hat und das Ergebnis erschien Jakub ausbaufähig. ‚Dabei hatte sich der Prof doch solche Mühe gegeben…‘, doch er schob diese Art von Gewissensbisse schnellstens beiseite. Es schwirrten ja ohnehin genug andere Gedanken in der Gegend herum, die für Jakub auf so vielen verschiedenen Ebenen interessant waren. Zum Beispiel das Eishockeyligaspiel von letztem Wochenende, welches zuungunsten seines geliebten Teams ausgegangen war. Und er saß dabei konsterniert vor dem Radio. Natürlich wäre eine andere Taktik gegen den Tabellenzweiten erfolgsversprechender gewesen, doch Jakub nutzten diese Tüfteleien während der Vorlesungsveranstaltung wenig, da weder der Trainer ihn künftig in den Trainerstab als Taktikchef berufen, noch förderte es Jakubs Aufmerksamkeitsspanne in der Uni. Auch nicht die Tatsache, DASS KOMMILITONEN, DIE ER IMMER WIEDER NEU IM HÖRSAAL KENNENLERNT, IHM NICHT EINFACH DEUTLICH MACHEN KÖNNEN, DASS SIE KEINE LUST HABEN MIT BESTIMMTEN LEUTEN ZU REDEN, NUR WEIL SIE SICH SELBST FÜR ETWAS BESSERES HALTEN. Aber zum Glück gab es ja sowohl nette, als auch ehrliche Leute in seinem Semester, so versuchte sich Jakub zu beruhigen. Doch anscheinend war der innere Wutanfall auch äußerlich zutage getreten, zwei vorbeilaufende Studenten schauten ihn erschrocken an. Das war ihm peinlich, denn wenn er eines nicht sein wollte, dann ein frustrierter und stets pöbelnder Griesgram. Wie etwa der Mann, der zweimal neben Jakub im Zug saß, als er auf dem Weg nach Hause war. Bereits das erste Mal sah jener schon grimmig aus, dazu die Tätowierung eines brennenden, wütend erscheinenden Teufelskopfes, welche sich über den gesamten rechten Arm spannte. Und das zweite Mal schaute sich die besagte Person Videos bei voller Lautstärke an, bei denen in regelmäßigen Abständen laut ausgerufene nationalistische Parolen klar zu hören waren. Es passierte zwar im Verlauf der letzten 5 Minuten von Jakubs Fahrt, sodass er zügig seinen Platz verlassen konnte und damit die unangenehme, furchterregende Situation, in die er da geraten war. Bei diesem Gedanken wurde ihm trotz der Temperaturen ganz kalt und er ging wieder hinein.

Folglich kam Jakub ohne die ursprünglich angestrebte geistige Frische zurück in die Veranstaltung, das Zuhören besserte sich dadurch natürlich nicht. Nur gegen Ende hin schaffte es der Professor durch ein letztes nötiges Quäntchen Begeisterung Jakub zu animieren und der Rest der Vorlesung wurde ziemlich interessant, wenngleich der persönliche Mehrwert für diesen im Ergebnis dürftig blieb. Schnell zerstreute sich die Studentenschaft im Saal, zu schnell für Jakub, alle hatten es eilig und diese Hektik stresste ihn. Wieder einmal. WIESO KÖNNEN DIE NICHT MAL LANGSAM MACH…..ach egal. Als letzter schob er sich durch die große Eingangstür des Gebäudes, um zur Zughaltestelle zu gehen. Einer Studentin, die ein Buch mit dem Titel „Grundlagen der Kernphysik“ unter den Arm geklemmt hatte, hielt er die Tür auf, worauf sich diese bedankte. ‚Oho sieh an, höflich, obwohl sie Physik studiert. Pah. Physik…‘. Jakub wollte nicht an dieses räudige Fach aus der Schulzeit erinnert werden.

Draußen angekommen packte er seine Windjacke aus, es war stürmisch geworden, urplötzlich. Niemand außer ihm schien darauf vorbereitet gewesen zu sein und alle rannten daher noch hektischer als sonst zu ihren Haltestellen. Irritiert schaute Jakub in der Gegend herum und ging gemächlich los. Das Mofa mit den Blumenkränzen war verschwunden.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s