Jakub wollte, bevor er sich auf den Weg nach Hause machte, sich noch einmal auf dem Weihnachtsmarkt umsehen, der, warum auch immer, auch nach dem Ausklang des zugehörigen Festes offen hatte. Er war hier nicht, weil er sich unbedingt in den Menschentrubel schmeißen oder etwas Beliebiges kaufen wollte. Es war mehr aus einer gewissen inneren Leere heraus. Einfach mal etwas anderes sehen, sich zwischen den Menschen bewegen, ohne dass man erkannt oder angesprochen wurde. Angenehm. Dabei roch es nicht einmal so großartig, wie es viele beschrieben. Es war ein Mix aus Glühwein, Rauch und undefinierbarem Süßkram, der zwischendurch durch Wachsgeruch und verbranntes Fleisch unterbrochen wurde. Naja, irgendetwas musste man ja daran finden, dachte sich Jakub. Schließlich hatten Fußballstadien, wo er sich deutlich lieber aufhielt, auch einen charakteristischen Duft: Zigarettenrauch, Bier, Bratwurst und feuchter Rasen, falls dieser nicht künstlich war. Fand er auch nicht besonders schlimm, im Gegenteil. Jedesmal, wenn er diese Geruchsmischung wahrnahm, fühlte er sich wohl und bereit, sich für 90 Minuten Fußball zu verausgaben, anzufeuern und sich aufzuregen. Ein Weihnachtsmarkt bot sich hierfür natürlich nicht an. Jakub stand dem Konsum, der hier in ungewöhnlich hohem Maße stattfand und sich, bis auf die gemütliche Beleuchtung, im Kern nicht besonders unterschied von dem, der den Rest des Jahres geschah, zwar grundkritisch gegenüber, entschied jedoch, das gesamte Konstrukt nicht weiter zu hinterfragen. Sonst würde er, wie so oft, noch etwas für die Öffentlichkeit nicht bestimmtes laut aussprechen und fragende Blicke auf sich ziehen. Und dafür war Jakub schließlich nicht hierher gekommen.

Nachdem er die achte Runde gedreht und jeden aufgestellten Tannenbaum mittlerweile beim Namen kannte, schwang er sich in eine Tram, um das Stadtzentrum zu verlassen. Diese Stadt lag etwa zwei und eine halbe Stunde entfernt von seiner Heimatstadt und Jakub war die letzten drei Tage hier gewesen, um an einem Seminar teilzunehmen. Trotz der vergleichsweise geringen Entfernung beider Städte überraschte es ihn, wie unterschiedlich zwei Orte sein konnten. Sein Wohnort hatte zwar gewisse Highlights, war aber eher langweilig und abends war hier nicht viel los. Die Stadt landete kürzlich in einem Ranking, welches die Lebensqualität aller Städte des Landes dokumentieren und vergleichen sollte, beinahe exakt in der Mitte. Weder Fisch noch Fleisch. Jakub wäre es lieber gewesen sich mit einer Stadt identifizieren zu können, die einen extrem guten oder extrem schlechten Platz erlangt hatte. Das wäre interessant gewesen und hätte eine gewisse Würze, was paradox klingt, denn Jakub ist nicht als der Typ bekannt, der ständig auffällt. So müsste er sich doch am perfekten Wohnort befinden, dennoch fremdelte Jakub mit diesem, und das häufig und sehr stark.

Seine Nachbarschaft fasste, seinem Geschmack nach, das Stadtbild hervorragend zusammen: sehr homogene Zusammensetzung, versteift, außer Hunde keine anderen Hobbys, schuldenfrei, dennoch sucht man selbstständig nach neuen Problemen, die für unnötige Aufregung sorgen können. Sonst würde es ja langweilig werden! Opfer dieser Pseudoprobleme wurden häufiger einige Freunde von Jakub und er selbst, und zwar aus, für die Nachbarn einfachen, folgenden Gründen: Freunde, Jakub und co hatten eine minimal dunklere Haarfarbe als der Durchschnitt und sprachen mehr als eine Sprache, die nicht Englisch oder Deutsch war. Dies genügte bereits, um gewisse Leute skeptisch zu machen und das Aggressionspotenzial zu steigern. Ein konkreter Anlass war nicht nötig, man konnte dasselbe tun wie sie und dennoch war man partout verdächtig. Der unangenehme Aspekt daran war, dass man es nie ins Gesicht gesagt bekam, sondern nur erahnen konnte, von der Gegenseite keine Sympathiepunkte zu erhalten. Auch wenn die Nachbarn freundlich zu grüßen schienen sah Jakub jedes einzelne Mal, wie das Lächeln schief wurde und die Halsschlagader dieser heftig pochte. Und es war nicht einmal etwas passiert, geschweige denn draußen schlechtes Wetter. Lange Zeit wurde Jakub durch dieses hypokritische Verhalten sehr unruhig, schließlich bemühte er sich auch lediglich um Harmonie, auch wenn es ihm nicht immer leicht fiel und er nicht genau wusste, ob er etwas falsch gemacht hat. Da es anscheinend keinen triftigen Grund für die latente Aggression der Gegenseite gab entschied er sich, der Sache nicht weiter nachzugehen und mit der Nachbarschaft, nein, mit der gesamten Stadt abzuschließen. Freunde fürs Leben würde er hier sicherlich nicht mehr finden.

Während Jakub aus der Stadt rausfuhr, es ging ziemlich steil bergab, zog eine Sehenswürdigkeit nach der anderen an ihm vorbei. Hier eine alte Kirche, dort die alte Stadtmauer, drüben das ultra-moderne Naturkundemuseum, zwischen den hübschen Häusern konnte man noch die belebte Promenade erkennen, die sich an einem großen Fluss befand. Viele verschiedene Menschen, die einen gingen fein angezogen in ein schickes Restaurant, die anderen entspannten sich bei lauter Musik auf ihren Dachterrassen. Auch dieser Ort hat bestimmt seine Problemviertel, dachte sich Jakub, dennoch fand er es hier sehr entspannt und wäre gerne länger geblieben. Auf dem Weihnachtsmarkt eher nicht, aber eine gute Stunde am Fluss mit schönem Panorama hat sicherlich noch niemandem geschadet.

Es war allerdings bereits beträchtlich spät und Jakub musste seine Anschlüsse bekommen. Am zentralen Bahnhof bekam er seinen Zug, der ihn in die nächstgrößere Nachbarstadt seiner Heimat brachte. Von dort aus waren es noch 20 Minuten mit der S-Bahn. Dort eingestiegen stellte sich Jakub in den Türbereich und lehnte sich mit dem Rücken an die Glasscheibe, welche Zugeinstieg und Sitzbereich voneinander trennte. Es waren zwar noch einige Plätze frei, an die Scheibe gelehnt konnte er sich jedoch besser entspannen und entging der peinlichen Situation, seinen Gegenüber anschauen und dann wegschauen zu müssen. Hier störte ihn niemand, Jakub konnte dort hinschauen, wo es ihm gerade gefiel. Um die Augen zu schließen war er nicht müde genug, vielmehr fühlte er sich hellwach, obwohl er schon mehr als den halben Tag auf den Beinen war. Die körperliche Müdigkeit spürte er nur anhand seiner Halsschlagader, die wie verrückt pulsierte. Ausgerechnet. Doch dieses Gefühl fand Jakub angenehm, in diesem Moment war er nicht sauer oder nervös. Es war die Zufriedenheit, drei produktive und ereignisreiche Tage verbracht zu haben. ‚Sollten die Nachbarn auch mal kennenlernen‘, dachte Jakub und grimassierte stark. Unglücklicherweise stand an der parallelen Glasscheibe ebenfalls eine Person. Ein Mädchen, welches es anscheinend genauso fantastisch fand, sich in diesem Bereich anzulehnen und nicht uncool bei den anderen zu sitzen, grinste aufgrund seiner Gesichtsentgleisungen freundlich zurück. ‚Der heutige Tag geht doch eigentlich‘ dachte Jakub und grimassierte noch stärker, sodass es beinahe blöd aussah.

Die nächste Station war seine und am Bahnhof wurde das Empfangskomitee gebildet durch einen Herren mittleren Alters, der zwei auf Züge wartende Jugendliche zusammenstauchte, sie sollten gefälligst ihre Rucksäcke von den Sitzen nehmen und überhaupt, wie könne man derart respektlos sein. Jakub bemerkte, dass es am gesamten Bahnsteig nur so von freien Plätzen wimmelte und dennoch ließ der Mann seinen Frust an den beiden Reisenden aus. Jakub merkte gleichzeitig: er war zuhause.

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