Die Leiden des jungen Jakub V

Die Leiden des jungen Jakub V

„Ist das klausurrelevant?“, fragte der notorische Fragesteller aus der ersten Reihe des Hörsaals, nachdem der Dozent seine gar nicht einmal so kurzen Ausführungen abgeschlossen hatte. „Zu diesem Zeitpunkt werde ich ihnen dies sicher noch nicht verraten“, erwiderte dieser schelmisch, um dann hinzuzufügen: „Mal im Ernst: selbst wenn es nicht Gegenstand der Klausur sein sollte, so ist es sicher nicht schädlich, wenn sie sich die Thematik wenigstens kurz oder gar mit einem Auge einmal zusätzlich zu Gemüte führen. Langfristig hilft es ihnen enorm!“.

Jakub stimmte dem mit einem müden, beinahe unerkenntlichen Nicken zu. Was er wusste: der Spezialist aus der vorderen Reihe ist ein Blender und wird ohnehin kein Buch in die Hand nehmen. Was er nicht wusste: würde er selbst den Stoff, seinen eigenen Ansprüchen gemäß, bewältigt bekommen? Momentan klappt es ja ganz gut, äußere Einflüsse konnte Jakub neuerdings weitestgehend effektiv isolieren. Selbst negative, aggressive Energie wusste er gut in Konzentration und Produktivität umzumünzen. Zumal die Kapazität der Hörsäle mittlerweile in etwa so ausgelastet war wie das viel zu groß geratene Fußballstadion eines größenwahnsinnigen ehemaligen Erstligaclubs, welcher derzeit ein ziemlich trostloses Dasein in einer unterklassigen regionalen Liga fristet.

Der Lärmpegel war so deutlich geringer und das Geklapper von Laptop-Tastaturen vermisste Jakub ohnehin wenig, da ermüdend bis stark reizend. Zudem musste er nun nicht mehr zwangsläufig in die Reihe vor ihm starren, in welcher die Geräte weniger den  Mitschriften und mehr dem Studieren von Kochvideos im Zeitraffer dienten. Grundlegende Störfaktoren haben sich also erst einmal verabschiedet, und doch kam Jakub nicht zur Ruhe. Er ärgerte sich furchtbar über seine Kommilitonen, die einen Großteil der Vorlesungen ausfallen ließen und, angeblich, Selbststudium betrieben. Wer’s glaubt? Ihm war es eigentlich gleichgültig (oder es sollte ihm gleichgültig sein), ob diese Menschen sich neben ihm Saal ausbreiteten oder nicht. Dabei dachte er jedoch an eine gute Freundin aus Schulzeiten, die auch sein Fach an derselben Uni studieren wollte. Im Laufe ihrer Schullaufbahn kämpfte sie jedoch mit hartnäckigen gesundheitlichen Problemen, sodass sie nie dazu kam, störungsfrei zu lernen und ihr Leistungsniveau voll zu entfalten. An der nötigen Motivation hat es ihr nie gefehlt. Sie fing sodann mit einem anderen Fach an, um irgendwann in den von ihr angepeilten Studiengang wechseln zu können. Sie könnte hier sitzen.

Jakub sah es realistisch: weder er, noch sie, noch irgendjemand könnte mit hundertprozentigem Einsatz den Ausführungen eines Professors folgen, da es schlichtweg menschlich ist, ab einer gewissen Rededauer abgelenkt zu sein und den Kopf auf das Pult sinken zu lassen. Doch ein gewisses Maß an fachlichem Interesse sowie Respekt gegenüber der Lehrperson, vorausgesetzt sie ist kein böswilliger Mensch, sollte machbar sein. Am liebsten hätte er hunderte von Schildern mit der Aufschrift „Hier könnte jemand sitzen, der interessierter ist als du“ versehen und sie an die freien Plätze gepinnt. Doch letztendlich saß er selbst hier und schätzte sich glücklich darüber. Und war wieder müde und gereizt. Und hatte wieder nicht aufgepasst.

Natürlich gab es wiederum diejenigen Veranstaltungen mit dem Potenzial, alle Anwesenden „mitzunehmen“, zu packen, und das waren Diskussions- bzw. Debattenrunden. Jeder hat die Möglichkeit seine Ansichten preiszugeben und mit den anderen sachlich zu streiten. Gerade Jakub hatte jedes Mal große Lust darauf, zumindest in der Theorie. Gleichzeitig resignierte er bereits, bevor der Dozent auch nur zu seiner Einleitung gekommen war und den Moderator spielte. Denn auch das wusste Jakub: dass der Redeanteil der Teilnehmer der Veranstaltung geringfügig sein wird und über „Ich sehe das soundso“ oder „Ich bin der Meinung, dass soundso“ nie hinausgehen wird. Es würde in seinem Studiengang höchstens ein oder zwei Teilnehmerinnen geben, die sinnvoll Gegenworte äußern, am Ende jedoch schleichend abgewürgt von der Stille im Saal. Der notorische Fragesteller würde fragen, ob das denn klausurrelevant gewesen sei und ob man „Widerspruch“ mit „i“ oder „ie“ schreibt.

Und überhaupt. Widerspruch. Jakub wünschte sich derzeit nichts mehr als aktiven, unbequemen Widerspruch. Zuschauen und choreographisch durchgeplante, einer Reihe nach folgende Wortbeiträge. Wie er es hasste. Gut, in Schulen und Universitäten war es noch zu verschmerzen. Denn welche Konsequenzen würde es geben, wenn man dort den Mund hält? Ein gezwungenes „Sag doch auch mal was“ von der Lehrkraft, ohne zu vermitteln, welche Bedeutung eine einzelne Äußerung hat. Mach den Mund auf und alle sind glücklich…und wenn nicht, dann ist auch nicht so schlimm. Diese Haltung machte Jakub rasend. Hinterher gehen alle nach Hause, das Thema der Diskussion war wieder vergessen und die halbe Stadt debattiert angeregt darüber, ob der Ersatztorwart des örtlichen Fußballklubs am nächsten Wochenende endlich die Chance bekommt, sich auszuzeichnen. Die jetzige Nummer 1 sei sowieso ein Fliegenfänger. Jakub erwischte sich wiederholt aufs Neue dabei, wie er sich ähnliche Gedanken machte. Auch solche Debatten machten ihm Freude, doch er erschrak, wie schief die Relevanz gewisser Themen von der Öffentlichkeit eingeordnet wird. Für unbequeme, gewichtige Themen ging man lieber ins Kabarett, um sich für zwei Stunden schlau zu fühlen, wenn der „Kabarettist“ mal wieder vorgab zu wissen, die „Wahrheit“ gefunden zu haben, wer Schuld an Leid und Hunger trägt und verkündete, dass Politiker sowieso dick und doof seien. Da war man selbst bei etwas Kontroversem dabei, ohne auch nur einen Finger zu rühren und legte sich wieder hin.

Jakub wurde schlagartig bewusst, wie wichtig Widerspruch ist, wenn dieser bereits im Kleinen beginnt. An seiner ehemaligen Schule hatte er drei Mitschüler, ein Mädchen und zwei Jungen, welche dieselbe Stufe besuchten, mit denen Jakub jedoch nur bei Gelegenheit gesprochen hatte. Sie waren sehr freundliche Menschen, aber ebenso schweigsam wie Jakub und besonders viel erfuhr er über sie nicht. Die drei hatten nichts miteinander zu tun, jedoch eine Gemeinsamkeit: sie wurden, milde zusammengefasst, Zielscheiben von herablassendem zwischenmenschlichen Umgang. Das Mädchen, durchaus selbstsicher, war ausländischer Herkunft und präsentierte dies im Schulalltag auf kultureller Ebene, indem sie eigenhändig geschriebene Lieder und Gedichte in der Sprache ihres Herkunftslandes vortrug. Auf positives Feedback stieß sie nur selten, einige Freundinnen unterstützten sie dabei, doch kassierte hin und wieder die leise Bemerkung, sie solle sich doch bitte sprachlich so ausdrücken, dass alle sie verstehen. Gekränkt von der ausbleibenden Anerkennung wechselte sie in der 10. Klasse an die Parallelschule. „Die Schule ist bunter und dort sind mehr Leute aus meinem Land, die mich wahrscheinlich nicht schief angucken werden“, war die Erklärung. Jakub hatte seitdem nie wieder das Schulkonzert besucht.

Der erste Junge, einer mit hellbraunem Haar und sehr schmal, wurde hin und wieder gerne von seinen stabileren Mitschülern zum Spielball von Raufereien gemacht sowie zum Ventil verbaler Aggressionen, die er widerstandslos hinnahm und den Ärger darüber in sich vergrub. Er freundete sich mit einem zwei Jahre älteren Jungen an, der bald anfing, seinen kleinen Freund zu beschützen, sowohl körperlich, als auch mit Worten. Es dauerte nicht lange, bis Ruhe einkehrte und der Junge keine Probleme mehr hatte. Der andere Junge, groß und etwas kräftiger gebaut, hatte weniger Glück. Er war sehr fleißig, schrieb die mit Abstand besten Noten, die üblichen „Streber“ – Beschimpfungen kamen auf. Irgendein Schüler verbreitete das Gerücht (!), er gehöre zu einer ethnischen Minderheit und schaffte damit weitere, von den Schülern berufene Angriffspunkte für Sticheleien. Auf mehrfaches Bitten des Jungen vor den Lehrern, sie mögen doch bitte etwas unternehmen, bekam er Standardantworten wie: „Das ist aber schlimm, da muss man dringend mit deinen Mitschülern reden; versuch doch erst einmal deine Probleme selbstständig zu klären“, „Möchtest du nicht ein Referat über deine Ethnie halten? Vielleicht verstehen deine Mitschüler dann, dass du gar nicht so anders bist“, „Denk dir nicht schon wieder neue Probleme aus“ oder „Was habe ich damit zu tun?“. Aus Beschimpfungen wurden Schubsereien, Sachen des Jungen wurden gestohlen, er wurde getreten und ging irgendwann mit zwei gebrochenen Fingern aus der Schule. Er war vielleicht körperlich stark, bekam aber sonst keine Hilfe und war wehrlos geworden.

Zum Unterricht kam er nicht mehr, keiner wusste, wo er hin war. Der Direktorin fiel nichts Besseres ein als der Satz „Wie konnte so etwas an UNSERER Schule passieren?“. Ein Seminar über das Thema Diskriminierung weiter und der Junge war vergessen. Jakub war an den Attacken nie beteiligt gewesen, dagegen gesagt hatte er jedoch auch nie etwas. Er strengte sich fürchterlich an, um nicht wieder in Selbsthass zu verfallen und nicht laut auszuatmen. Das Gegenwort einer einzigen Person hätte vielleicht nicht unmittelbar gewirkt, ein Anfang wäre es sicherlich gewesen. Widerspruch als Anfang, um den Ernst einer Situation hervorzuheben und die „Hallo-egal“-Haltung zu durchbrechen. Blumen und bedauernde Worte hinterher leisten das nicht. Widerspruch.

Jakub hatte wieder nicht aufgepasst, doch der Dozent setzt gerade ohnehin zum Schlusssatz an. Draußen vor dem Hörsaal kam ihm der notorische Fragesteller entgegen, sie hatten zuvor nie ein Wort miteinander gewechselt. Doch Jakub ahnte, was kommen würde: „Du, ähh..was war jetzt alles klausurrelevant?“, fragte jener hektisch in seiner Tasche kramend. „Alles, wirklich alles“, erwiderte Jakub grinsend und hechtete die Treppe herunter.