Infinity 2020

Infinity 2020

Man könnte nun natürlich schreiben, wie schlimm und ungerecht alles an und in diesem Jahr war. Ich könnte mich hinter einer Kunstfigur verstecken und dieses Jahr durch ihre Augen Revue passieren lassen. Doch wäre dies weder erschöpfend noch ehrlich. Von der Grundlage aus gesehen war dieses Jahr nicht wirklich anders als die vorherigen: Menschen haben Erfolgserlebnisse, basteln an ihren eigenen Problemen herum, freuen sich, trauern. Doch in diesem Jahr wirkte es, als hätte der Kalender als Zusatz ein Brennglas enthalten, welches vermeintlich alltägliche Probleme und Ereignisse so sehr vergrößerte und mit solchem Gewicht belud, dass so manch fragiles Gebilde unter der Last zusammenbrach. Dieses Brennglas war allerdings nicht in jedem 7. Kalender enthalten, sondern jeder fand sich in derselben Situation wieder. Eine Konstellation, von der man meinen sollte, sie schaffe einen gemeinsamen, identitätsstiftenden Anknüpfungspunkt. Stattdessen wurden Gräben aufgerissen, die wir vorher gar nicht sehen und wahrhaben wollten und das an Stellen, an denen wir sie niemals vermutet hätten.

Zu sehr hatten wir mit einer Erwartungshaltung gelebt, dass alles jederzeit verfügbar und abrufbar sei. Essen, eine nette Zeit im Kino, Medizin, die große Liebe oder Klopapier. Vollständig konnte es also nicht überraschen, dass die Krone der Schöpfung angesichts eines Virus fast kollektiv freidrehte. Zwar riss man sich zusammen und bemühte sich um effektive und innovative Lösungen, sei es Homeoffice, das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Innenräumen, die Renaissance des Autokinos, Einhalten von Mindestabständen oder nicht zuletzt die surreal schnelle Entwicklung eines hochwirksamen Impfstoffes. Vieles von dem wird einen Lerneffekt herbeigeführt haben, der zur post-pandemischen Weiterführung einiger Gewohnheiten beitragen wird (ich konnte es bereits vorher nicht leiden, wenn mir ein Fremder trotz genügend Platz halb im Rucksack hing). An einigen Experten und Hobby-Autodidakten in Virologie und Staatsrecht scheint diese Entwicklung jedoch elegant vorbeigegangen zu sein. Wie ein kleines Kind fanden sie ein zusätzliches Kleidungsstück im Gesicht nicht nur peinlich, sondern auch freiheitsberaubend, als der Mund-Nasen-Schutz als Minimalkonsens bereits etabliert war (und Kinder haben sich hier größtenteils deutlich reifer verhalten). Auf die ein oder andere Feier konnte natürlich nicht verzichtet werden, man wolle die Normalität nicht einem kleinen (gar ausgedachten?!?!!!1??) Virus opfern.

Frage: kann man sich in einer anormalen Situation überhaupt normal verhalten?

Die Unterscheidung zwischen Erlaubtem und Gebotenem fehlte dabei oft gänzlich. Im Sommer durfte man sich kurzzeitig mit ca 25 Personen treffen. Möglich war es, aber notwendig? Und krampfhaft die Koffer zu packen, um sich in einem randvollen Flugzeug nach Mallorca zu begeben und dort unter strengen Hygienemaßnahmen den obligatorischen All-Inclusive „Urlaub“ abzuhaken, klingt nicht wirklich entspannt. Theoretisch könnte ich auch mehr als eine Pizza bestellen, mir würde nur irgendwann schlecht.

In Bergamo oder New York, wo man keine Plätze mehr für die vielen Leichen fand, waren und sind dies wohl Sorgen, die man gerne gegen das Erlebte eintauschen würde. Das Virus hat dort tiefe, bleibende Wunden und Menschen aus dem Leben gerissen.

Frage: weshalb benötigt es immer wieder neu eine nächste Stufe der Eskalation, bis Verständnis und Empathie wachsen? Nicht nur für Erkrankte, Opfer und die Krankheit selbst, sondern auch für diejenigen, die diese Pandemie täglich bekämpfen und die Unachtsamkeit ihrer Mitmenschen ausbügeln. Aus den Augen, aus dem Sinn. Alles scheint nicht so schlimm, bis es einen selbst trifft.

Inzidenz, Aerosole, Selbstisolation, Quarantäne – fraglos hat sich unser Vokabular in diesem Jahr erheblich erweitert. Solange dies die einzigen pandemischen Erinnerungen an dieses Jahr bleiben, kann 2020 nicht allzu schlecht gewesen sein. Doch gibt es viele stille Helden, die sich klaglos an Regeln hielten, zuhause blieben, nur im Ausnahmefall Dritte trafen – und dennoch kränkelten. Das Virus machte einen Bogen um sie und dank ihnen um viele weitere Menschenleben. Die mit der Pandemie einhergehenden Einschränkungen zerbrachen ihr bisher gewohntes und warmes Umfeld. Unter Menschen gehen, sich zu treffen, jemanden kennenlernen fällt ihnen schwer, zuhause gibt es möglicherweise auch noch Stress – Skype, Zoom und FaceTime bildeten die letzten Rettungsanker. Doch gerade weil für viele von ihnen die Arbeit, Ausbildung, Schule oder Uni die einzige Gelegenheit darstellte, das soziale Leben frei von Ängsten und Hemmungen zu pflegen, diente das Internet schlussendlich „nur“ dazu, das schlimmste Szenario der Einsamkeit abzuwenden. Waren Kamera und Mikrofon ausgeschaltet, so grüßte wieder schnell der graue Alltag. Und die einzige Stimme, die sie dann noch hörten, war die eigene Stimme im Kopf. Ihnen zu raten, das Problem selbst anzupacken, sich zu „socializen“, hilft dabei bedingt bis gar nicht. Solche Ratschläge sind effektiv, wenn eine Person für die eigene Situation maßgeblich verantwortlich ist, doch dass sind Introvertierte meistens nicht. Sie sind nicht nur introvertiert, sondern werden zusätzlich gesellschaftlich indirekt unter Druck gesetzt, indem ständig und breit ein Lebensstil gepflegt wird, der den Eindruck entstehen lässt, dass ein Wochenende ohne Erlebnisse, ohne neue Gesichter, ohne neue Orte ein verschenktes sei. Selbst wenn man sich dagegen verschließen möchte wird einem ein soziales Netzwerk, der Rettungsanker von oben, Bilder zeigen, wie Menschen trotz aller Beschränkungen gegenseitige Nähe suchen, Trinken gehen etc…Gesellschaft suchen, um sich später einsamer zu fühlen. Ein Teufelskreis.

Nicht falsch verstehen, es soll niemandem der in Grenzen erlaubte Spaß untersagt werden. Doch Rücksichtnahme, Verständnis und Aufmerksamkeit ist das Mindeste, was wir alle für diejenigen tun können, die sich nicht künstlich in eine Diktatur hineinversetzt fühlen, sondern tatsächlich Tag um Tag am mangelnden sozialen Kontakt leiden.

Und sonst so? Ich persönlich kann mich über meinen Jahresverlauf nicht beklagen. Vieles lief anders als geplant, aber nicht zwangsläufig schlechter. Glücksmomente hier, Rückschläge dort, dann wieder kleinere Erfolge, manchmal kehrte sogar so etwas wie Konstanz ein (mein Herzensklub Schalke schob Dienst nach Vorschrift). Mein Umfeld und ich sind, dreimal auf Holz geklopft, gesund, mehr benötige ich derzeit nicht.

Im neuen Jahr werden wir auf den Erfahrungen aus 2020 aufbauen können, der Impfstoff fließt allmählich, mit noch etwas Geduld ist Besserung in Sicht. Ich möchte es dabei mit Leonard Cohen halten, der in seinem Lied „Anthem“ wissen lässt:

„There is a crack, a crack in everything
That’s how the light gets in“

…and I think that’s beautiful.

Eigentlich wollte ich nicht meckern, hab’s doch gemacht und freue mich darauf, dass 2020 bald stummgeschaltet wird. Bleibt gesund!

*2020 hat das Meeting für alle Teilnehmer beendet*

Symbolbild 2020