Wenn die Betroffenen eines grausamen, unter nebligen Vorwänden begonnenen Krieges ihre Städte, ihr Zuhause, ihre Liebsten, ihr Leben verlieren, so genügt eine Verbindung kraft eigener Herkunft oder Wurzeln, um das Ausmaß dieser Katastrophe im Wesentlichen zu erkennen. Auch bei Menschen, die sich bereits vor mehreren Jahrzehnten von ihrer früheren Heimat räumlich und mental verabschiedet haben, lösen die Bilder aus Mariupol, Charkiw, Kyjiw oder Odessa Gefühle tiefer Beklemmung sowie Albträume aus.

Auch für Personen, die als Vertreter der nächsten Generation noch nie am Ort seiner Wurzeln gewesen sind, fühlt sich dieser Krieg an, als würden die Grundmauern von etwas Vertrautem, Bekanntem eingerissen werden. Zu lebendig sind die Assoziationen mit Orten wie Donezk oder Berdjansk, zu oft hörte man von Geschichten aus Orten wie Schytomyr, Czernowitz oder Dnipro.

Daher dürfte es nicht überraschen, dass viele Menschen ohne Bezug zu Land und Leuten die Tragweite der Zerstörung nicht erfassen können sowie im Umgang mit Flüchtenden, Angehörigen und mittelbar Betroffenen nach wie vor fremdeln. Und doch überrascht es nicht.

Infolge des Krieges in Syrien verließen viele ihre Heimat in Richtung Deutschland und die Anteilnahme war auf den ersten Blick groß, offenbarte sich nach wenigen Wochen jedoch in großen Teilen als eine Willkommenskultur, die sich auf das Verteilen von Teddybären und eine möglichst hohe Frequenz an thematisch passenden Social-Media-Beiträgen reduzierte, um Klicks und Likes zu generieren. Dieses Muster wird aktuell leider wieder in Teilen sichtbar. Selbstverständlich gibt es eine beträchtliche Zahl an Helfenden, die von der ersten Minute an die Situation richtig einschätzten und ohne großen Aufruhr effektiv Unterstützung boten. Und doch scheint sich allmählich, nach fast einem Monat des Krieges, unterschwellig eine gewisse Gleichgültigkeit einzuschleichen gepaart mit leisen Frage, ob denn noch mehr Flüchtende kommen würden. Hat denn ein Willkommenslächeln am Bahnhof nicht gereicht? Hat man denn nicht schon genug Wohnraum zur Verfügung gestellt. Und überhaupt, die Kinder der geflüchteten Frauen schreien wie am Spieß, das hatte man sich gemütlicher vorgestellt. Steigende Benzinpreise lassen die Toleranzgrenze mancher rapide absinken.

Dies machte sich auch prominent bemerkbar in den abendlichen Nachrichten- und Talkrunden, in welchen eine in Deutschland lebende ukrainische Künstlerin sowie der Botschafter des Landes wegen ihres Tonfalles (!) zurechtgewiesen wurden, als sie aufgrund der Geschehnisse in ihrer Heimat kurz die Fassung verloren mit der dringenden Bitte nach Unterstützung. Wieso sollte ein Diplomat die Ruhe behalten angesichts eines Aggressors, der jegliche Diplomatie durch Scheinfriedenslösungen und den Beschuss von Zivilisten längst der Lächerlichkeit preis gegeben hat?

Kurzum: die Betroffenen dieses Krieges sind zwar Kriegsopfer, möchten aber nicht Opfer fehlender Ernsthaftigkeit und falscher Empathie werden! Sie möchten nicht wie Opfer behandelt werden, vielmehr fordern sie Unterstützung, um ihr Recht auf Unversehrtheit und Freiheit durchsetzen und ausüben zu können.

Ja, auch und gerade in Europa sind verbrecherische Kriege stets möglich gewesen, siehe ehemaliges Jugoslawien, siehe heutige Ukraine. Das Friedensversprechen der Europäischen Union und lebensfrohe, unbewaffnete europäische sind stets anzustrebende Idealbilder, verdecken jedoch leider daneben einen klaren Blick auf Städte, die dem Erdboden gleich gemacht wurden, auf Menschen, denen das Nötigste fehlt und auf einen Überlebenden des Holocaust, der einen Bombenangriff auf Charkiw nicht überlebte. „Hier in Europa? Bei uns doch nicht!“.

Flüchtenden wird man konkret helfen können, aber gerade den Menschen, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen, sollte man, selbst wenn es abstrakt scheinen mag, genauso helfen. Mit monetären Spenden, die oft ähnlich oder besser wirken als effektive Sanktionen des Aggressors, mit Aufmerksamkeit, Achtung, Respekt und Ernsthaftigkeit.

Denn nicht nur Vergangenes wird schnell verdrängt, auch die Gegenwart wird regelmäßig Opfer der Vergessenheit!

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